Interviewprojekt „Hindernisse machen uns groß: Resilienz und Digitalisierung“


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„Hindernisse machen uns groß: Resilienz und Digitalisierung“ heißt mein Blog-Projekt, das  zur re:publica 2015 - Finding Europe startete. Ich sammle Interviews und Beiträge zu folgenden Fragen:

1. Bei Vorträgen zum Thema Resilienz - Gedeihen trotz widriger Umstände taucht häufig die ängstliche Frage auf: „Sind die Deutschen nach 70 Jahren Frieden überhaupt resilient genug, um die Herausforderungen durch Digitalisierung und Globalisierung gut zu meistern?“

Dahinter steht die Furcht, die Deutschen und ihre Wirtschaft seien nicht ausreichend flexibel, belastbar und widerstandsfähig. In Jahrzehnten mit anhaltendem Wachstum und steigendem Wohlstand hätten sie keine oder nicht ausreichend Gelegenheit gehabt, ihre Resilienz zu trainieren. Die Deutschen und ihre Wirtschaft würden daher künftig im weltweiten Wettbewerb unterliegen.

2. Mal angenommen, Länder wie Japan, China und Indien wählen jetzt ebenso schlechte Bewältigungsstrategien im Umgang mit Stress und Belastung wie wir in der Vergangenheit, um ihre wirtschaftliche und technische Entwicklung voranzutreiben - welche gesundheitsfördernden Innovationen könnten dann von Europa ausgehen?

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Die steigende Zahl von psychischen Erkrankungen hat in Europa viele Menschen und  Institutionen alarmiert. Viele tausend Menschen arbeiten daran, diesen Trend umzukehren und bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen.

  • Wie können wir gesund bleiben und gleichzeitig unter hohem Druck unsere Leistungsfähigkeit abrufen?
  • Welche innovativen Konzepte haben wir dafür entwickelt? Welche Lösungen können wir der Welt anbieten?
  • Welche Bewältigungsstrategien bevorzugen die Europäer? Welche Unterschiede gibt es in den einzelnen Ländern?

3. Knappe Ressourcen legen innere Potenziale, Innovationen und Kreativität frei. Welche Erfahrungen habt Ihr/ haben Sie gemacht, die Ihr/ Sie anderen zur Nachahmung empfehlen könnt?

In Deutschland gibt es keine Kultur des Scheiterns und keine Fehlerkultur. Aus Scham wird geschwiegen - dabei sind genau das die wichtigen Lernprozesse, die wir brauchen, um jetzt voranzukommen.

Lasst uns ins Gespräch kommen, treten Sie in Dialog mit mir - persönlich  oder direkt hier im Blog. Ich freue mich auf eine rege Diskussion und einen Erfahrungsaustausch, der uns alle weiter bringt.

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"Resilienz muss Hilfe zur Selbsthilfe sein. Man muss nicht Alles durchhalten."

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Ralf-Giso Kutschker (53), Betriebsrat AXA-Versicherungskonzern Frankfurt/M: 
"Ich habe schon viele Begriffe kommen und gehen sehen - ich nenne mal nur das Stichwort Mobbing." Ehrlich gesagt könne er das Wort Resilienz schon nicht mehr hören. Sobald der Begriff Mobbing in Zeitschriften, Büchern und Vorträgen etabliert gewesen sei, tauchten massenhaft Leute auf, die sich gemobbt fühlten. "Ich fürchte, das passiert nun auch mit der Resilienz." Der Begriff der psychischen Belastbarkeit sei ja schon alt. Der neuere Terminus Resilienz werde aber jetzt gerade inflationär genutzt. "Plötzlich ist jeder resilient oder will es zumindest werden, es gibt die kuriosesten Angebote dazu." Genauso wie ich sieht er es sehr kritisch, wenn vollmundige Versprechen abgegeben werden - wie etwa, Resilienz sei in einem Zwei-Tages-Workshop zu erwerben.

Im Laufe seines Lebens habe er Bilder von seiner Resilienz entwickelt. Ralf-Giso Kutschker stellt sich Resilienz anhand eines Baumes vor: "Bei Sturm und Regen biegt sich der Baum. Wenn die Belastung zu groß wird, geht er zu Bruch. Ich denke, das ist bei Menschen ähnlich." Er selbst sei Sohn von Kriegskindern und habe von seinen Eltern entsprechende generationstypische Bewältigungsstrategien gelernt. Eine davon lautet: Jungen weinen nicht. Mädchen werden dagegen getröstet. "Ich stelle mir vor, dass ich X Resilienz habe - also einen festen Betrag, der mein Leben lang nicht abnimmt. Darüber kann ich immer verfügen, wenn ich Resilienz brauche. Das ist für mich aber nicht veränderbar - auch nicht durch Training." Er habe ein Problem mit Menschen, die dazu aufrufen "Du musst resilienter werden, damit du besser durchhältst. Man muss nicht alles durchhalten." Er erlebe in der Wirtschaft, wie Resilienz vorgeschoben werde, um die Leute fit zu machen für noch mehr Stress. "Dabei stimmen die Bedingungen nicht: Immer weniger Mitarbeiter müssen immer mehr Arbeit besser machen und noch höhere Qualitäts- und Servicelevel erreichen. Die Personalpolitik rechnet mit immer weniger Leuten und diese Mitarbeiter sind dann gefordert, das mit allen Kompetenzen auszubalancieren."

Hinzu komme, dass die sozialen Beziehungen an den Arbeitsplätzen zunehmend schlechter werden: "Ich sehe eine sehr starke Individualisierung bis hin zur Vereinzelung und Vereinsamung, verursacht durch ständige Konkurrenz. Die Leute haben das Gefühl, ich muss so viel arbeiten und so viel mehr leisten - trotzdem ist mein Job nicht sicher, und wenn ich mich noch so anstrenge." Dies führe zur Entfremdung der Kollegen untereinander. Früher habe es gemeinsame Freizeit-Aktivitäten gegeben oder man habe gemeinsam Sport getrieben. "Jetzt wollen sich die Leute abends meist nicht einmal mehr sehen. Die Arbeitsbeziehungen sind sehr viel konfliktreicher als früher."

Resilienz müsse deshalb Hilfe zur Selbsthilfe sein, auch wenn das niemand so konkret ausdrücke. "Es wäre schon viel gewonnen, wenn wieder mehr offene Kommunikation und soziale Interaktion stattfände, wenn sich die Leute face-to-face begegnen und ihre Konflikte gemeinsam ausräumen könnten. Soziale Beziehungsfähigkeit über die jeweiligen peer groups hinaus wären gut für uns alle." Resilienz könne dann gemeinsam entwickelt werden, wenn konkrete Situationen im Betrieb angeschaut und verändert würden. "Und natürlich ist es wesentlich, sich abgrenzen zu können und Nein zu sagen", sagt Ralf-Giso Kutschker.

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"Resilienz ist ein Prozess - um sie zu entwickeln, braucht man Andere" 

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Frauke Watson, Übersetzerin, lebt auf der Isle of Man: "Ich glaube, man kann sich mit einem bestimmten Training sozialer machen. Mir fällt dazu die Serie Bones ein: Die Hauptfigur wird als früh traumatisiert geschildert und ist zunächst sehr kalt, überrational und sehr wissenschaftlich. Dann lernt sie, soziale Signale zu lesen. Im Film wird klar, dass sie dadurch neue Bewältigungsstrategien für sich entwickelt hat. Bei Resilienz habe ich Angst, dass das in diese Richtung kippen kann - also wenn Unternehmen diese an sich sehr gute Sache missbrauchen, damit die Leute funktionieren und nichts mehr fühlen. Das sieht man schon an der Wirkung von Psychopharmaka. Sie machen Menschen unangreifbar und sorgen dafür, dass sie im Alltag nicht mehr auffällig sind. Stressempfinden ist ja auch ein Schutzmechanismus. Wenn man den systematisch abtrainiert, ist die Bruchlandung vorprogrammiert." Resilienz könne man nicht in der Isolation entwickeln, dazu brauche man andere Menschen. "Ich glaube, dass die sozialen Medien dabei hilfreich sind. Es gibt da unheimlich viele Seilschaften, die vielen Leuten einen wichtigen Bezugsrahmen und auch Unterstützung geben. Das ist genau wie im richtigen Leben und hat auch dieselbe Dynamik."

Frauke Watson glaubt, dass Resilienz je nach Lebensphase und Lebenssituation immer wieder neu verhandelt werden muss. "Es gibt Momente, in denen man sich die eigene Resilienz wieder bewusst macht. Es ist ein Weltuntergang, ein tiefes Loch - und dann entwickelt man sozusagen default-Methoden. Resilienz heißt dann, Hilfe anzunehmen und sich zu besorgen, was man gerade braucht, um aus dem Loch wieder heraus zu kommen."

Sie selbst ist in ihrem Leben viele Male umgezogen und hat an einem neuen Ort wieder angefangen, sich einzurichten. "Ich habe gelernt, meine Angst vor Kontakt zu überwinden. Ich interessiere mich für Menschen und gehe auf sie zu. Das Direkte ist nicht schlecht, da kann man viele gute Erfahrungen machen. Aber es ist auch eine Stärke, niemanden zu brauchen und zu wissen, dass man gut alleine klar kommt." Sie wisse, dass sie sich jederzeit ein neues Netzwerk schaffen könne. "Das muss nicht jederzeit erreichbar sein, aber ich muss wissen, auf wen ich mich verlassen kann."

Frauke Watson glaubt  nicht an "Rezepte für Resilienz", die für alle Menschen gelten können: "Es ist in jedem schon Alles da, was er braucht oder es entwickelt sich im Laufe des Lebens. Es ist ein Prozess, mit der eigenen Identität klar zu kommen und sich immer weiter zu entwickeln."

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