#rp15 Mensch – Macht – Maschine: Wer bestimmt, wie wir morgen arbeiten?

johannes-largeEine neue Arbeiterbewegung für die digitale Welt, kritischere Entwickler und eine engagierte Öffentlichkeit mit Werten und moralischen Ansprüchen - das fordert Johannes Kleske, Stratege, Berater für digitale Kommunikation und Co-Founder von thirdwave in Berlin, auf der re:publica 2015.

Vor zwei Jahren habe er auf der #rp13 noch über die Utopie gesprochen, dass Menschen die Maschinen zu Sklaven machen werden, um ein erfülltes Leben zu haben. Nun sei er selbst bei der Dystopie angekommen und habe erkannt: „Die Maschinen machen uns zu Sklaven.“

Die Automatisierung von Jobs werde das definierende Problem der nächsten Jahre sein, da stimme er mit Eric Schmidt, Executive Chairman bei Google, überein. Die Frage sei nun, ob der Mensch die Maschine beherrschen lerne oder ob er der Maschine die Kontrolle überlasse.

Am Beispiel der Google Cars als Sinnbild von Automatisierung illustriert Kleske dies. Die Google-Cars werden viele Menschen ersetzen, die Autos fahren - also Arbeitsplätze vernichten. Zugleich aber sind auch die Google Cars abhängig von aktuellen Daten und zeitgemäßen Karten. Google Cars brauchen Menschen, die den ganzen Tag herum fahren und Daten aktualisieren, bearbeiten und in Maschinen einpflegen.

 

Nicht nur Google Cars, auch die Suchmaschine selbst wird von unzähligen Menschen gepflegt: So genannte „Google Quality Raters“ sitzen stundenlang vorm Rechner und machen nichts anderes, als die Algorithmen zu pflegen, die für die Suchergebnisse verantwortlich sind. Sie überprüfen die Inhalte auf Spam, Porno etc.

Die „Google Quality Raters“ gehören allerdings nicht zu den Mitarbeitern des Google-Konzerns. Sie sind „independent contractors“ - schlecht bezahlt, sozial nicht abgesichert, komplett unsichtbar. Sie erhalten weder Google-Benefits noch geniessen sie das Bällebad für Mitarbeiter.

Die „independent contractors“ sind für alle Aufgaben zuständig, welche die Maschinen selbst noch nicht oder nur fehlerhaft erledigen können. Die „independent contractors“ können beispielsweise im Gegensatz zum Rechner Bilder erkennen und bewerten. Sie entscheiden, ob ein Inhalt zur Werbung gehört oder nicht, sie überprüfen die Qualität der gelieferten Daten.

Google ist kein Einzelfall. Amazon hat „Mechanical Turks“ entwickelt: Computer-Schnittstellen, die Daten an Menschen schicken, die sie dann überprüfen und bewerten. Es gibt „Click Worker“, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als Daten aufzubereiten, zu moderieren oder auszusortieren. Die New York Times nennt sie „Daten-Hausmeister für Big Data“.

„Silicon Valley´s dirty secret sind billige Arbeitskräfte“, sagt Kleske. Die moderne, scheinbar magische Technologie könnte ohne diese Form der Ausbeutung überhaupt nicht existieren. Die Konzerne müssten etwa 20 bis 30% Mehrkosten zahlen, wenn sie ihre „independent contractors“ genauso bezahlen würden, wie die regulären Mitarbeiter“, sagt Kleske.

Diese „Click Worker“ seien schon jetzt Vorboten einer größeren Entwicklung hin zu einer generellen „on demand-economy“, die in den nächsten Jahren rasant wachsen werde. Schon jetzt seien hier stark steigende Investments zu verzeichnen.

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Drei große Entwicklungen sieht Kleske:

  1. Algorithmen werden Vorgesetzte.

Arbeitnehmer bekommen künftig ihre Aufgaben von einer Maschine diktiert, obwohl diese nicht verlässlich und sinnvoll agiert. „Maschinen werden von Menschen programmiert und Menschen machen Fehler“, so Kleske. Er fürchtet eine „unbewusste Diskriminierung“ durch die Maschine. Algorithmen diskutieren nicht - Gehalt, kranke Kinder oder zu pflegende Angehörige, Fortbildung oder Urlaub sind für ihn nicht relevant, Arbeitsbedingungen nicht verhandelbar. Die Ratings von Kunden entscheiden über das Schicksal des Arbeitnehmers. „Auch wenn der Kunde ein Arschloch und sein Rating unbegründet schlecht war, wird der Arbeiter gesperrt und kann über einen längeren Zeitraum gar kein Geld verdienen“, sagt Johannes Kleske.

2. Das Corporate Panopticon entsteht.

Die Arbeitnehmer der Zukunft werden vor allem kontrolliert und quasi wie in einem Panoptikum zur Schau gestellt. Ihr Arbeitstempo, ihre Leistung, Pausen und vieles mehr werden Apps überwachen. Die Mitarbeiter selbst werden über diese Apps kaum etwas wissen, auch nicht über den Hintergrund der Leute, die sie entwickelt haben. Feedback, Anerkennung und Wertschätzung werden die Menschen von den Apps nicht bekommen: „Die Ausbeutung wird unsichtbar, das bleibt ohne jede Beziehung“, sagt Johannes Kleske.

Zudem werden Mitarbeiter in vielen Fällen nicht mehr wissen, wer um sie herum für den gleichen Arbeitgeber arbeitet oder mit wem sie sich zusammenschließen oder organisieren könnten, um Rechte einzufordern.

3. Nutzungsbedingungen werden die neuen Arbeitsverträge sein.

Arbeitnehmer werden künftig nicht mehr über die Bedingungen ihrer Arbeit verhandeln können. Die Anbieter von Apps entscheiden über die Konditionen, diskutiert wird nicht: Entweder akzeptieren die Mitarbeiter die Nutzungsbedingungen und haben Arbeit - oder eben nicht.

Beispiel Uber:

Der Taxi-Anbieter reduzierte laut Kleske in einer „Sommer-Aktion“ die Fahrpreise, ohne die Anbieter zu fragen. In der Folge mussten diese entweder zähneknirschend auf Einkommen verzichten oder aber sich bei einem neuen, konkurrierenden Anbieter ein neues Profil und eine neue Online-Reputation erarbeiten - das dauert unter Umständen viele Monate.

In der Zwischenzeit haben die Anbieter

  • keine finanzielle oder soziale Absicherung
  • in der Regel auch nicht genügend Rücklagen
  • ihre berufliche Weiterentwicklung gerät ins Stocken

An eine „Karriere“ und an persönliches Fortkommen ist in einem solchen System nicht zu denken. Kleske bringt das auf eine einfache Formel:

on-demand-economy + Wirtschaftskrise = Uberisierung der Arbeit

Generell verteufeln will er diese Entwicklung nicht und zitiert die Aktivistin Kristy Milland. Sie sagt: „Für Leute mit schlechten Jobs oder Arbeitslose bedeutet Mechanical Turk, dass sie wenigstens etwas zu essen haben.“

Widerspruchslos hinnehmen müsse man das trotzdem nicht, meint Kleske. Ohne Wirtschaftskrise seien „independent contractors“ nicht denkbar. Es stehe fest, dass dies viele Unternehmen übernehmen werden, um Arbeit auszulagern und Kosten zu sparen. Die Aussichten für Mitarbeiter würden schlechter. „Natürlich wollen diese Leute lieber Vollzeit-Jobs, aber sie haben gar keine Chance darauf. Das Problem ist nicht die Automatisierung, sondern die Ausbeutung. Das wird der Arbeitsstrich des 21. Jahrhunderts“, so Kleske.

Nun könnte man in weltverachtende Technologiefeindlichkeit verfallen oder dem Vorbild der Maschinenstürmer folgen und versuchen, die Maschinen zu vernichten, um den Fortschritt aufzuhalten. Aber darum geht es gar nicht: Vielmehr „geht es um Macht und um die Menschen hinter der Macht“, so Kleske. Er fordert: „Wir brauchen eine neue Arbeiterbewegung“.

Handlungsoptionen:

1. Den Fortschritt nutzen, eigene Entscheidungen treffen, Alternativen entwickeln.

Das geschieht in Ansätzen bereits:

  • Die Uber-Fahrer organisieren sich und fordern Uber auf, die Bedingungen zu verbessern, Risiken zu verteilen und Verantwortung für die Anbieter zu übernehmen.
  • Eine US-Anwältin hat sich darauf spezialisiert, Unternehmen zu verklagen, die ihr Geschäftsmodell ausschließlich auf „independent contractors“ aufbauen.
  • Zum 1. Mai 2015 startete die IG Metall ihre Aktion FairCrowdWork Watch.

2. Transparenz schaffen.

Technologiekritik sei ohne Kapitalismuskritik nicht möglich. Für die dargestellte Problematik müsse ein größeres Bewusstsein geschaffen werden, damit Lösungen gefunden werden könnten. Unternehmen werden bessere Chancen im Wettbewerb haben, wenn sie ihre Arbeitsbedingungen und die Werte ihres Wirtschaftens transparent machen.

Johannes Kleske fordert Journalisten und Medien auf, Apps und Algorhitmen aus der Anonymität zu holen und die Konzepte dahinter sichtbar zu machen. Ebenso sollten sich Entwickler und Designer klar machen, welche Konsequenzen ihr Tun hat:

  • Welche Biases und Diskriminierungen fließen in die Produkte ein?
  • Welche Dinge sind einfach zu programmieren und werden in ihrer Wirking unzureichend hinterfragt?
  • Wie beeinflusst das, was entwickelt wird, die Menschen, die das nutzen?
  • Wo haben wir blinde Flecken?

Bereits jetzt gebe es ermutigende Beispiele, dass sich moralischer Anspruch lohne und sich Unternehmen auch ohne Risikokapital-Geber durchsetzen könnten. „Organisationen werden für ihre Mitarbeiter interessanter, wenn sie Verantwortung übernehmen für das, was ihr Unternehmenszweck ist und für die Produkte, die sie produzieren.“

3. Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen intensivieren.

Wer über Automatisierung spreche, müsse automatisch zum bedingungslosen Grundeinkommen Stellung nehmen. Wer von on-demand-Services leben müsse, könne anders nicht mehr über die Runden kommen.

Im Moment gebe es eine unsinnige Klassifizierung der Arbeit: Formell selbstständige Mitarbeiter würden wie Angestellte behandelt und dann auch wieder nicht. „Wir brauchen deshalb neue Modelle zwischen Festanstellung und Selbstständigkeit, das Rechte genauso wie Flexibilität beinhaltet“, so Johannes Kleske.

4. Kooperativen und Plattformen gründen.

Wenn die Plattformen für die Angebote den Arbeitnehmern selbst gehörten, hätten sie mehr Einfluss auf die Leistungsbedingungen. „Die Hilflosigkeit, die wir gegenüber Silicon Valley verspüren, kommt daher, weil wir die Dinge nicht verstehen und nicht wissen, wie sie funktionieren. Wer Entwicklungen einschätzen und bewerten kann, behält das Gefühl, ich kann da etwas machen und habe Einfluss darauf, was mit mir geschieht.“ Startups und Venture Capitalists dürfe nicht überlassen werden, was geschieht.

Weitere Informationen: www.tautoko.info oder www.thirdwaveberlin.de

Hier der Link zum vollständigen Vortrag auf der re:publica 2015

2013 hielt Johannes Kleske auf der re:publica den Vortrag "Das Ende der Arbeit - Wenn Maschinen uns ersetzen". Hier ist der damalige Vortrag. Johannes Kleske bezeichnete ihn zwei Jahre später als utopisch und zu optimistisch. Inzwischen sei er sehr ernüchtert.

Vielen Dank an Johannes Kleske für das Porträt-Foto.

Update 8. August 2015: "Kapitalismus auf Koks - wie die On-Demand-Economy die soziale Marktwirtschaft zerstört" - in diesem äußerst interessanten Artikel im Manager Magazin beschreiben Philipp Alvares de Souza Soares und Astrid Maier die drastischen Folgen von digitalen Ich-AG´s.

http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/on-demand-economy-vs-soziale-marktwirtschaft-a-1043623.html

Petra-Alexandra Buhl

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