Der Weg zur Open Minds Economy – radikale Abkehr von der Geheimniskrämerei bringt Wertschöpfung

„Open Mind“ - dieses Etikett klebt auf Software, auf Kampagnen für die Legalisierung von Drogen, auf Selbstlernkursen für Erwachsene. „Open Mind“ ist eine beliebte Vokabel. 299 Millionen Treffer zeigt die Suchmaschine Google am 6. Dezember 2015 zu diesem Wort.

Leider sind die Open Minds im Alltag noch rar, wenn es um Digitalisierung und Veränderung geht. Transparenz, Open Source, Offenheit und Kollaboration gelten vielen als suspekt. Zwar nutzen 78% der Unternehmen Open Source, allerdings ohne die damit verbundene Kultur der Kollaboration.

Bild 3Prof. Hans-Juergen Kugler von der Kugler Maag Cie GmbH hat bei der OPEN 2015 - Konferenz für digitale Innovation #Opendigi in Stuttgart am 2. Dezember für eine „Open Minds Economy“ plädiert: „Wertschöpfung entsteht durch offene Formen der Zusammenarbeit.“

Ein Auto verfügt über 100 Millionen Zeilen Code 

Kugler berät Unternehmen aus der Automobilindustrie, die „softwareinfizierte“ Produkte herstellen. Eindrucksvoll ist das Beispiel des durchschnittlichen Autos, das inzwischen über rund 100 Millionen Zeilen Code verfügt. In einem Kampfflugzeug der US-Luftwaffe befänden sich nur 50 Millionen Zeilen Code, sagt Kugler. Das wird künftig noch komplexer, Umgebungen für selbstfahrende Autos werden immer intelligenter.

Klar ist, dass sich die Automobilindustrie in Deutschland nicht nur auf sinkenden Absatz einstellen muss. Die Auto-Konzerne werden auf ihrem angestammten Markt mit neuen „Playern“ konfrontiert: Google Cars, Tesla und Apple denken und handeln anders als die deutsche Automobil-Industrie.

Das „Internet of Things“ (IoT) ist ein massiver technologischer Schritt. Kugler erinnerte an die Entstehung des Internets und daran, dass die Universitäten den Code untereinander weitergegeben hätten, um die Entwicklung gemeinsam voranzutreiben, Bestehendes zu verbessern. Weil die Universitäten heute um Drittmittel konkurrieren, wäre das wohl nicht mehr möglich.

Obwohl die Telekommunikations-Konzerne damals versuchten, ein Gegenmonopol aufzubauen, sei ihnen dies nicht gelungen. Die Internet-Community war stärker. „Die Community hat das Internet erschaffen, es waren nicht die großen Monopolisten“, so Kugler. Er ist sich deshalb sicher, dass auch das „Internet of Things“ von der Community gebaut werden wird.

Der Druck durch die rasante Digitalisierung bringt plötzlich Firmen miteinander ins Gespräch, die abgeschottet entwickelt und produziert haben. Transportunternehmen und Automobil- und Versicherungs-Konzerne hatten bislang wenig miteinander zu tun. Plötzlich interessieren sich die Versicherer sehr für die Daten der anderen und wünschen sich Kollaboration.

Mobile Rechenzentren sammeln Daten

„Selbstfahrende Fahrzeuge werden künftig mobile Rechenzentren sein, keine reinen Autos mehr. Sie werden nebenbei als sensorische Plattformen fungieren und Daten sammeln“, so Kugler. „Was bleibt da für die Daimlers, VW´s und BMW´s noch übrig?“ Das Auto als physikalisches Produkt werde weniger interessant als der „after market“. Die Zusatzausstattung von selbstfahrenden Autos wird der Hauptmarkt, da ist sich Kugler sicher. Diese Entwicklung werde auch in anderen Industrien zu beobachten sein.

Dabei gehe es weniger um den Darwin´schen „survival of the fittest“: „Nicht die Stärksten werden überleben, sondern diejenigen, die sich am Besten in dieses Ökosystem einpassen.“ Organisationen hätten für ihre Transformation höchstens noch zehn Jahre Zeit.

Ob die traditionelle Industrie das schaffen wird? „Das würde die Abkehr vom bisherigen command and control-Geist bedeuten, statt Misstrauen und Kontrolle wäre dafür vollkommene Offenheit nötig.“ In den Konzernen müssten Berge von Glaubenssätzen und fest eingeschliffenen Überzeugungen abgetragen werden, damit der Paradigmenwechsel möglich wird. „Die Führungskräfte müssten dahin kommen, zu denken: Kontrolle ist gut. Aber Vertrauen ist besser“, so Kugler.

Unternehmenszweck kann nicht mehr Profit sein 

Es brauche einen geistigen Wandel für diesen Paradigmenwechsel: Selbstbestimmung, Sinn von Arbeit und Selbstführung für die Mitarbeiter seien unerlässlich, um diesen zu schaffen. „Der Unterschied zwischen engagierten und mitlaufenden Mitarbeitern ist die Selbstbestimmung“, so Kugler.

Unternehmer müssten sich zudem grundsätzlich überlegen, welchen Zweck sie verfolgten. „Unternehmenszweck bedeutet nicht mehr Profit für die Aktionäre. Es muss einen Zweck geben, der größer ist, als nur mehr Geld zu verdienen.

BildDa hat die Open Source Bewegung einen weiten Vorsprung. Sie lebt vom Engagement vieler Freiwilliger, die - getragen von der Vision Open Source - Software entwickeln. Zwar nutzen Unternehmen seit 2010 verstärkt Open Source. Es wird aber meist ausschließlich die Software in Anspruch genommen, ohne die damit verbundene Kultur des gemeinsamen Gestaltens in die Organisation zu übertragen - was ein großer Fehler ist.

„Open Collaboration ist der Versuch, die Kultur von Open Source-Projekten jetzt auf Unternehmen zu übertragen, zum Beispiel in Form von Ökosystemen“, so Kugler. Die Macht der Variabilität und des gemeinsamen Kreierens sei wichtig, die Varianz in den Ansätzen, statt der bisherigen Einförmigkeit, die der herkömmliche Wettbewerb hervorgebracht habe.

Open Business Model Canvas mit Kunden diskutieren

Kugler stellte den Open Business Model Canvas von Paul Stacey vor und empfahl, diesem zu folgen, um neue Geschäftsmodelle zu entwerfen. Hier können Sie den Canvas herunterladen:

https://docs.google.com/drawings/d/1QOIDa2qak7wZSSOa4Wv6qVMO77IwkKHN7CYyq0wHivs/edit

Der höhere Zweck eines Unternehmens müsse unter Value Proposition VP verzeichnet werden und Unternehmen täten gut daran, „The Art of Commoning“ zu betreiben, eine Community wachsen zu lassen und zu pflegen, die dem höheren Zweck diene. Die Wertschöpfung werde nicht mehr in hierarchisch geführten Unternehmen entstehen, sondern aus vernetzten Gemeinschaften kommen.

Bild 1Das Umdenken im Kopf bedeute, jedes der Unternehmensfelder zu öffnen und selbst bisher streng gehütete Geschäftsgeheimnisse zu öffnen. Kollaboration entstehe nur durch Vertrauen.

„Die Brüche in der Kollaboration haben wir bereits in den Unternehmen. Kollaboration funktioniert nicht, weil die Leute nicht selbstbestimmt arbeiten dürfen.“ Kugler führte das Beispiel eines Entwicklungsingenieurs an, der sich externe Partner für ein Projekt gesucht habe. Er sei jedoch vom Einkauf zurückgepfiffen worden, weil die Einkäufer nicht bereit gewesen seien, den geforderten Preis zu zahlen. Kostendruck habe gegen die Qualität gesiegt.

„So können keine gedeihlichen Ökosysteme entstehen“, sagte Kugler. „Wir arbeiten vielfach immer noch in diesem mit Scheuklappen versehenen Modus, das ist eine Folge der command and control-Hierarchie“.

Inzwischen sei die Community sehr viel schneller als die Unternehmen, wenn es darum gehe, sich zu organisieren. Kugler führte als Beispiel Open Medicine an. Hier sammeln sich Zehntausende von Patienten und tauschen Daten über Krankheitsverläufe, Behandlungsformen, Wirkungen von Medikamenten aus. Sie helfen sich gegenseitig. „Das kommt nicht von den Medizinern und auch nicht von den Universitäten. Die Unis stehen im Wettbewerb miteinander und tauschen mit dem Verweis auf Datenschutz keine Daten aus. In den Kooperationen mit Pharmakonzernen steht der Datenschutz bei den Unis aber plötzlich völlig außen vor“, so Kugler.

Es ist nicht mehr möglich, etwas zu verheimlichen 

Die Intelligenz für Innovation komme künftig nicht mehr von einzelnen Personen, sondern aus der Community. Das Teilen von Wissen und Ressourcen habe eine emotionale und empathische Seite, die vielen Unternehmen fehle. In den Open Source Projekten sei dies selbstverständlich. Eine solche „caring-Umgebung“ sei sicher und bedeute Heimat. Für den Einzelnen erfordere dies Selbstentwicklung und Selbstdisziplin, damit er diese neue Kultur annehmen könne.

Kugler verwies auf das Buch „The Open Source Everything Manifesto“ von Robert David Steele. Er sei einer der höchsten Spionageoffiziere der USA gewesen und habe Ende der 1990er Jahre die Schlussfolgerung gezogen, Geheimnisträgertum liefere keine wertvollen Informationen mehr. Offene Quellen brächten viel mehr Daten von Wert. Außerdem seien alle Quellen längst offen: „Es ist gar nicht mehr möglich, etwas zu verheimlichen.“

„Transparency, Trust and Truth“ sei nur durch vollständige Offenheit zu erzielen. Kugler plädiert daher dafür, Alles offenzulegen, von der Wissenschaft bis hinein in die Unternehmen, um jedem die Teilhabe zu ermöglichen. Alles zusammen genommen erschaffe die „Open Minds Economy“ und eine offene Wirtschaft sei letztlich der Weg zur offenen Gesellschaft nach Karl Popper.

Petra-Alexandra Buhl

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