Wissensarbeit mit Spaß: Was bringt Sie am Montagmorgen aus dem Bett?

Arbeit sieht immer seltener nach der Arbeit aus, wie man sie kannte: Papier und PC haben Hammer und Sichel abgelöst. Heute ist Wissensarbeit statt Maloche gefragt, um Wertschöpfung zu ermöglichen. Arbeit findet künftig nicht mehr in Isolation statt, sondern Wissen entsteht in Gruppen.

Lesen Sie hierzu auch meinen Blog-Beitrag „Der Weg zur Open Minds Economy"

http://buhl-coaching.de/author/2015/12/06/der-weg-zur-open-minds-economy-radikale-abkehr-von-der-geheimniskraemerei-bringt-wertschoepfung/

Schon vor über 50 Jahren hat der Management-Vordenker Peter Drucker als erster von Wissensarbeitern gesprochen. Die Wissensgesellschaft werde das Industriezeitalter ablösen und die Arbeitswelt radikal verändern: „Wissensarbeiter agieren autonom und managen sich selbst. Sie sind keine Arbeitskräfte, sondern das Kapital einer Firma“, schrieb Drucker kurz vor seinem Tod in seinem letzten Buch „Managing in the next Society“ (2002).

Inzwischen beträgt der Anteil der Wissensarbeit an der in Deutschland verrichteten Arbeit rund 50 Prozent. Das hat eine Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitsorganisation (IAO) in Stuttgart ergeben.

Dennoch haben sich die Arbeitsbedingungen bislang kaum geändert: Die Mehrheit der Wissensarbeiter ist eingezwängt in Strukturen aus dem Industrie-Zeitalter. Zeiterfassung, starre Hierarchien, Anwesenheitspflicht, vom Kunden und vom Produkt entfernte Arbeitsprozesse, command and control-Atmosphäre bestimmen ihren Alltag.

Der Illusion, Produktivität per Kontrolle erzeugen zu können, erliegen immer noch die meisten Manager. Wer sichtbar in seinem Büro sitzt, „arbeitet“ demnach - auch wenn er nur neue Statusmeldungen auf Facebook checkt. Dabei glauben 90 Prozent der Manager sogar, Mitarbeiter seien produktiver, wenn sie ihre Arbeit selbst organisieren (Maitland/Thompson). Dieser Einsicht folgt allerdings nur in seltenen Fällen die Umsetzung.

Was ist Wissensarbeit genau? 

Jörg Dirbach definiert sie so: „Wir suchen nach einer Lösung, die wir noch nicht kennen und auch der Weg zur Lösung ist uns noch nicht klar.“ Jörg Dirbach ist Competence Unit Manager, Chief Knowledge Officer (CKO) und Partner bei Zühlke in Zürich. Er ist Experte für Produktivität in der Wissensarbeit, Buchautor und Redner auf internationalen Konferenzen. Beim EnjoyWorkCamp 2015 am 6./7. November in Stuttgart hielt er eine interessante Barcamp-Session zum Thema Wissensarbeit.

Der Auftrag an Wissensarbeiter kann dabei konkret oder diffus sein, zielgerichtet oder offen. Spaß ist mit eigener Produktivität und mit Feedback verbunden. Wie kann jemand also Wissensarbeit so organisieren, dass sie möglichst häufig Spaß macht?

Die Session-Teilnehmer sammelten beim EnjoyWorkCamp eine lange Liste von Möglichkeiten, wie Wissensarbeiter zu Ideen, Inspiration und Lösungen gelangen. Hier ist sie:

  • Austausch mit anderen Menschen
  • Spaß
  • Freiräume schaffen und nachdenken
  • mit Fragen anfangen und das Problem einkreisen
  • Ortswechsel
  • Freude
  • Wechselspiel Einzelner und Gruppe
  • offene und geschlossene Arbeitsweise
  • Visualisieren
  • Papier und Stift, Kritzel-Bilder
  • Kreativität
  • Versuch und Irrtum
  • Systematiken
  • 20% Time wie bei Google
  • Probleme in Portionen aufteilen
  • Bewegung
  • Natur

Als Haupt-Motivation für Wissensarbeit gaben die Session-Teilnehmer übrigens „Neues lernen“ und „Sinn einer Aufgabe“ an.

Was passiert bei der Wissensarbeit?

In der Regel besteht sie aus vielen verschiedenen Experimenten. Wissensarbeiter denken, entwerfen, probieren, revidieren, verwerfen und überlegen wieder neu. Viele Versuche sind nötig, bis das Ergebnis erreicht, eine Lösung gefunden ist. Das trifft auf einen Software-Entwickler ebenso zu wie auf Schreibende, Designer, Projektmanager oder Wissenschaftler.

Jörg Dirbach sagt, dass sie alle mit ähnlichen Strategien arbeiten, zum Beispiel:

  • externe Mittel verwenden
  • Aufgaben kleiner machen
  • in überschaubaren Portionen Probe-Handeln starten 
  • Zwischenresultate bilden
  • sog. „Operatoren“ ausprobieren
  • Muster entdecken, das bringt die Lösung

„Wissensarbeit macht erst dann richtig Spaß und wird produktiv, wenn man ins Handeln kommt“, sagt Jörg Dirbach. „Wer eine Idee nur im Gehirn hin und her bewegt, bewirkt nichts.“ Wer es dagegen schafft, immer wieder kleine Experimente zu starten und dem Arbeitsprozess selbst Sinn zu geben, hat es leichter, sich zu motivieren und zu einer Problemlösung zu kommen.

"Flow" entsteht dann, wenn Fähigkeiten und Schwierigkeiten leicht herausfordernd zusammenpassen. Rechts und links der Schlangenlinie sind Unterforderung und Überforderung zu finden. Die geniale Reduktion des Flow-Konzeptes hier im Bild stammt vom ungarischen Psychologen und Kreativitätsforscher  Mihaly Csikszentmihalyi.

Die Reduktion der "Flow"-Kurve von Jörg Dirbach
Die Reduktion der "Flow"-Kurve

Wer sich selbst reflektieren und Schlüsse daraus ziehen kann, kommt auch schneller ans Ziel. Wichtig ist, die eigenen inneren Antreiber und versteckten Wünsche kennenzulernen. Eine schöne Frage dazu stellt Jörg Dirbach:

„Warum kommst du am Montagmorgen aus dem Bett?  Warum gehst du zur Arbeit?“

Klar, dass jemand ernsthafte Probleme bekommt, wenn er auf diese Fragen für sich keine überzeugende Antwort mehr findet. Unternehmen tun deshalb gut daran, ihren Mitarbeitern sinnvolle Arbeit anzubieten.

„Wer dabei experimentell vorgeht, maximiert das Lernen. Wenn jedes zweite Experiment schief geht, lernt man automatisch.“ Manchmal muss man sich selbst überlisten, um aus der Problem-Hypnose herauszukommen. Dann hilft es, Aufgaben umzuformulieren. „Erst im Handeln entdecken wir Muster, mit denen wir weiterarbeiten können“, sagt Jörg Dirbach.

Klar wird, dass die wenigsten Wissensarbeiter im herkömmlichen Angestelltenverhältnis zufrieden und produktiv werden können. Die Hays-Studie 2013 ergab, dass fast 40 Prozent der befragten Wissensarbeiter (noch) nicht selbst bestimmen können, wann und wo sie arbeiten. Das bedeutet, dass hier noch viel Produktivität verschenkt wird und die flexibleren Modelle für Wissensarbeiter nicht angekommen sind. 74 Prozent der befragten Wissensarbeiter sagten, ihre Arbeit sei an feste Regeln und vorgegebene Unternehmensprozesse gebunden.

Die Tatsache, dass sie noch so arbeiten, bedeutet nicht, dass sie es gerne tun: 60 Prozent der befragten Wissensarbeiter würden ihr Unternehmen sofort verlassen, wenn sie sich bei einem neuen Arbeitgeber fachlich weiterentwickeln könnten und bessere Bedingungen vorfänden. Überlegen Sie bitte selbst, was das für Ihr Unternehmen bedeuten würde.

Peter Drucker hat vorausgesagt, „die nächste Gesellschaft“ werde eine von Wissensarbeitern geprägte Gesellschaft sein. Nun geht es darum, den Wissensarbeitern Bedingungen zu bieten, unter denen sie die besten Ergebnisse erzielen können. „Wissen wird qua Definition spezialisierter. Angewandtes Wissen wird effektiver, wenn es spezialisiert ist. Und je spezialisierter es ist, um so effektiver wird es“, so Peter Drucker.

Die große Herausforderung ist für Wissensarbeiter, ihr Spezialisten-Wissen auch anderen zugänglich zu machen, ihnen erklären zu können, welche Bedeutung ihr Wissen hat. Das heißt: Wissensarbeiter sind für ihr Wissen verantwortlich und dafür, welchen Beitrag es für die Gemeinschaft leistet. Wer Wissensarbeit systematisieren kann, kann Lernprozesse organisieren und damit entscheidende Wettbewerbsvorteile erringen.

Erfahrungen, Lernprozesse und Erkenntnisse werden Organisationen lern- und leistungsfähig machen, wenn sie geteilt werden. Und es gibt noch einen weiteren entscheidenden Unterschied:

„In der traditionellen Organisation der Massenproduktion hat der Mitarbeiter dem System zu dienen. In der wissensbasierten Organisation ist das System dazu da, dem Mitarbeiter zu dienen.“ (Peter Drucker)

Wissensarbeiter handeln weitgehend autonom und müssen sich selbst führen können. Das Management hat den Job, für Ziele zu sorgen und die Organisation auszurichten.

Wenn die VUKA-Welt den Alltag bestimmt, müssen Wissensarbeiter offen bleiben und interdisziplinäre Lernprozesse organisieren. Wenn alles unsicher, komplex, mehrdeutig ist und in immer schnellerem Tempo stattfindet, wird auch rationales und kausales Entscheiden nur noch fehlerhaft. Lesen Sie mehr über die VUKA-Welt hier:

http://buhl-coaching.de/author/2015/05/29/leben-in-der-vuka-welt-unsicher-komplex-mehrdeutig-was-bedeutet-das-fuer-die-resilienz-von-unternehmen/

Überall finden wir heute selbstorganisierte und selbstgesteuerte Prozesse mit unklaren Regeln, an die sich kaum noch jemand hält. Täglich entstehen neue Regeln und Vorgaben in allen Fachgebieten. Fast niemand schafft es, sie noch zu überblicken. Menschen, die Komplexität und Mehrdeutigkeit nicht aushalten, können solche Umbruch-Phasen nicht ertragen. Sie sind auch nicht mehr produktiv, weil sie sich nicht mehr orientieren können. Wer stattdessen experimentiert, Versuche auswertet, korrigiert und neu konfigurierte, hat beste Voraussetzungen, in der VUKA-Welt zu überleben.

Wie organisieren Sie Wissensarbeit mit Spaß?

Wann sind Sie besonders produktiv?

Welche Produktivitätskiller haben Sie gelernt zu vermeiden?

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Drei Definitionen von Wissensarbeit:

Thorsten Hübschen: verantwortlich für das Office Geschäft bei Microsoft Deutschland & Co-Autor von „Out of Office – Warum wir die Arbeit neu erfinden müssen“, 2015.

“Wissensarbeiter sind nicht nur einfach Kopfarbeiter – sie sind Menschen, die ihr erworbenes Wissen produktiv nutzen und damit wesentlich zur Wertschöpfung in Unternehmen beitragen. Wissensarbeit ist zudem geprägt von kommunikativen Denkprozessen und sozialer Interaktion. Laut IAO sind bereits 50 Prozent der in Deutschland verrichteten Arbeit Wissensarbeit, Tendenz enorm steigend. Warum? Weil es produktiver ist und weil die Menschen es wollen und fordern. Um Wissensarbeit produktiv im Unternehmen einzusetzen, brauchen sie eine Kombination von drei Aspekten: Menschen, die ihr Wissen einbringen, die fortschreitende Digitalisierung, die Wissensarbeit unterstützt, und schließlich neue Orte, an denen produktives Arbeiten möglich ist.“

Dieter Spath u.a.: Office 21 Studie Information Work 2009, Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, 2009 

“Charakteristisch für Wissensarbeit ist, dass diese häufig komplex, wenig determiniert und folglich schwer in vorgegebenen Abläufen standardisierbar ist. Wissensarbeit ist hochgradig sowohl personen- aber auch kommunikationsorientiert und wird immer mehr in übergreifenden Teams erbracht. Wissensarbeit schafft ständig neues Wissen und baut auf Erfahrungen Anderer auf. Dabei agieren Wissensarbeiter stark autonom und sind somit wenig direkt ‘anleitbar’. Darüber hinaus stellt Wissensarbeit neue Anforderungen an die Arbeitsprozessorganisation, betriebliche Steuerungssysteme, die Gestaltung der Arbeitsplätze bzw. der Büroraumumgebung insgesamt und nicht zuletzt an die Führung und Motivation von Mitarbeitern.”

Manfred Kofranek: Wissensarbeit – die Herausforderung der Wirtschaftspolitik, KM-Journal, 2010

Wissensarbeiter arbeiten zumeist problembezogen. Sie finden neuartige Lösungen für bekannte Probleme und/oder behandeln bislang unbekannte Fragestellungen. Dafür benötigen sie eine erhöhte Problemlösungskompetenz und die Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen. Es kann aber durchaus auch bei Wissensarbeit der Fall eintreten, dass ein Problem als solches noch gar nicht erkannt oder definiert wäre. Gerade in kreativen und explorativen Bereichen wird der Problemraum erst durch die Arbeit erschlossen.”

(zitiert nach https://wissensarbeiter.wordpress.com/definitionen/ Wissensarbeiter-Blog von Jörg Dirbach)

Petra-Alexandra Buhl

2 Gedanken zu „Wissensarbeit mit Spaß: Was bringt Sie am Montagmorgen aus dem Bett?

  1. Liebe Petra
    Zunächst einmal wünsche ich dir ein wunderbares 2016 mit tollen Begegnungen und ganz vielen Artikeln hier auf deinem Blog.
    Vielen herzlichen Dank auch für diesen wunderbaren Artikel über Wissensarbeit. Du hast das Thema sehr gut zusammengefasst. Eine kleine Korrektur hätte ich da noch: die Grafik, die das Prinzip des “Flow” so schön visualisiert, stammt nicht von mir, sondern von Mihaly Csikszentmihalyi selbst. Vielleicht kam das in meiner Session am EnjoyWorkCamp in Stuttgart falsch rüber.
    Herzliche Grüsse
    Jörg

    1. Lieber Jörg,
      Danke, das wünsche ich Dir auch – möge Dir 2016 viel Glück, viel Freude und viel Erfolg bringen! Den Fehler beim Flow-Konzept habe ich korrigiert. Bei den vielen Informationen, die Du uns gegeben hast, bin ich davon ausgegangen, die Grafik stammt von Dir 😉 Entschuldige.
      Herzliche Grüße in die Schweiz!
      Petra

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