Unternehmens-Energie: Keine Esoterik, sondern Treiber von Wertschöpfung und Kreativität

„Wie kann man eigentlich die Unternehmensenergie erhöhen?“ wurde ich kürzlich gefragt. Ein sehr spannendes Thema. Der erste Schritt ist meist, die vorhandene Energie anders einzusetzen als bisher oder bewusster damit umzugehen.

Tagtäglich wird massiv Energie verbraucht in unproduktiven Spielchen, Machtkämpfen, Gemecker, Abwertung, Zicken-Krieg und Konflikten, die keiner wirklich lösen will. Wenn man diese Energie in Wärme umwandeln könnte, wären die Heizungen in vielen Glas-Palästen schon ab morgen überflüssig.

Oft sind es eingeschliffene Kulturen und Rituale, vor allem in großen Konzernen mit ihren command and control-Strukturen. Schlechte Führungskräfte unternehmen nichts dagegen und schauen gleichgültig zu. Gute Führungskräfte wissen, dass Arbeitsbeziehungen und Vertrauen zerstört werden, wenn destruktive Energie eine Kultur beherrscht. Sie tun Alles dafür, dass das nicht passiert oder beseitigen sie.

Kultur, Klima und Energie in Unternehmen

Wenn wir über „Unternehmens-Energie“ reden, ist das nichts Esoterisches. Es ist die produktive Energie, die Sie und Ihre Mitarbeiter mobilisieren können. Die Kraft, Ausdauer und Geschwindigkeit, mit der Sie arbeiten, Ideen generieren und Veränderungen umsetzen.

Mit der Energie ist es ähnlich wie mit dem Klima und der Kultur:

„Kultur ist wie das Fallenlassen eines Alka-Seltzer in ein Glas Wasser. Sie sehen sie nicht, aber irgendwie tut sie etwas.“  Hans Magnus Enzensberger

Im besten Fall gelingt es Ihnen, positive Kultur, Klima und Energie in Ihrer Organisation von den Mitarbeitern selbst entwickeln zu lassen. Dann können Sie Veränderungsprozesse schnell umsetzen und effektiv arbeiten. Ihr Unternehmen kann sich rasch aktiv weiterentwickeln.

Aber lassen Sie uns die Frage systematisch angehen:

Die Professorin Heike Bruch von der Universität St. Gallen in der Schweiz  forscht seit 2001 zur organisationalen Energie. Sie unterscheidet vier Arten von Unternehmensenergie, ich fasse das kurz zusammen:

  1. Produktive Energie: Hier sind die Potenziale aller Beteiligten voll aktiviert, alle arbeiten fokussiert auf gemeinsame Ziele hin.
  2. Angenehme Energie: Die Mitarbeiter und Führungskräfte fühlen sich wohl und sind zufrieden. Sie identifizieren sich mit dem Status quo und es herrscht eine gewisse Behaglichkeit im Unternehmen.
  3. Resignative Energie: Es herrscht Gleichgültigkeit. Der größte Teil der Mitarbeiter hat sich innerlich zurückgezogen, distanziert sich vom Unternehmen, ist frustriert und enttäuscht. Es droht ein organisationaler Burnout.
  4. Korrosive Energie: Es gibt eine hohe Aktivität und starke emotionale Anspannung - also viel Energie - diese wird aber destruktiv in Machtkämpfen und Mikropolitik verbraucht. Innovation und Veränderung werden aktiv verhindert. Die Leute sind wütend, ängstlich und verärgert. Das ist der gefährlichste Energie-Zustand für Unternehmen.

Ein resilientes Unternehmen ist dagegen ein ideales Unternehmen: Hohe produktive und hohe angenehme Energie ergänzen sich. Ein solches Unternehmen hat eine gesunde, belastbare und stabile Basis. Es ist reaktionsfähig und dynamisch, innovativ und widerstandsfähig. Selbst bei massiven Veränderungen bleibt es handlungsfähig und kraftvoll.

Die Führungskräfte haben mit ihrer persönlichen Energie und ihrer Fokussiertheit maßgeblichen Anteil daran, ob dies gelingt oder nicht. Dazu braucht es Haltung. Selbstreflexion und Evolution des Unternehmens. Führungskräfte müssen gestalten und glaubwürdig führen, fokussiert Ziele setzen, Selbstorganisation der Mitarbeiter ermöglichen und die Unternehmensentwicklung steuern. Sie müssen ihre Mitarbeiter für langfristige Ziele begeistern, glaubhaft den Sinn und Wert einer Tätigkeit vermitteln. Doch wie sieht es in der Realität meist aus?

„busyness statt business“

Kurzfristige Quartalsziele sind wichtiger als die langfristige Organisationsentwicklung. Relativ wenige Führungskräfte wollen wirklich etwas bewegen, die meisten beschränken sich auf das Verwalten. Das Unvermögen, sich in einer beschleunigten Wirtschaft zu fokussieren, lähmt die Produktivität - „busyness“ statt business.

Laut Gallup-Index schieben 62 Prozent der Angestellten Dienst nach Vorschrift, fast 20 Prozent befinden sich im Zustand der inneren Kündigung. Nur 14 Prozent gehen noch in ihrer Arbeit auf. Die Folgen sind psychische Erkrankungen und hohe Fehlzeiten, aber auch sinkende Produktivität, mehr Fehler und Beschwerden, ein schlechtes Unternehmensimage, mangelnde Kreativität und Innovation, meist eine schlechtere Arbeitsleistung. Als Verbraucher, Patient, Mitarbeiter oder Kollege, als Vorgesetzter oder Dienstleister ist das täglich für uns spürbar. Ich begegne wenigen Menschen, die Feuer und Flamme für ihre Arbeit sind. Woher soll dann eine hohe Unternehmensenergie kommen?

Im Flow oder im Jammertal?

Ob Teams im Flow sind oder ihre Aufgaben nur lustlos, zäh und schleppend erledigen, beantworten die meisten Führungskräfte aus dem Bauch heraus. Dabei entsteht in allen Veränderungsprozessen neue Energie, die messbar ist. Ob sie produktiv wird, hängt davon ab, ob die Selbstführung in den Strukturen und Prozessen gelingt. Außerdem davon, ob neue soziale Kompetenzen und Arbeitsbedingungen, die für die VUKA-Welt taugen, entwickelt werden.

Die VUKA-Welt ist volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig. Wenn Energie gleichgesetzt wird mit dem Potenzial, das die Mitarbeiter entfalten können, geht es um die Mobilisierung aller Kräfte, um darin zu überleben. Und es geht darum, eine positive Dynamik zu erschaffen.

Prof. Dr. Heike Bruch macht diese an drei „Befunden“ fest:

  • Emotional: Die Mitarbeiter sind begeistert, identifizieren sich mit dem Unternehmen und mit ihren Aufgaben, sind mit Leidenschaft bei der Sache.
  • Kognitiv: Die Mitarbeiter denken mit, organisieren sich und ihre Tätigkeit weitgehend selbst, innovieren.
  • Verhalten: Die Mitarbeiter können im Unternehmen das tun, was sie am besten können und helfen so, die Unternehmensziele zu erreichen.

Das gibt es nicht umsonst. Diejenigen, die zugelassen haben, dass sich resignative und korrosive Energie im Unternehmen breit gemacht haben, sind nicht diejenigen, die Unternehmenskultur verändern können. Häufig sind drastische Maßnahmen wie Kündigungen nötig, weil die bisherige Konstellation im Unternehmen die notwenige Veränderung nicht umsetzen kann. Destruktive Energie kann durch bestimmte Personen verfestigt werden.

Im Moment beobachte ich interessiert, wie der Vorstandsvorsitzende Matthias Müller nach dem VW-Abgas-Skandal eine neue Kultur im Automobil-Konzern etablieren will. In den USA soll er gesagt haben: „Wir haben nicht gelogen“. Das deutet nicht darauf hin, dass es hier einen gravierenden Bewusstseins-Wandel gibt. Zudem soll Müller angeblich verlangt haben, ein Interview zu wiederholen, in dem er nicht sehr überzeugende Antworten gefunden hat. Ist das der Kultur-Wandel im Unternehmen?

Jedes 2. Unternehmen sitzt in der Beschleunigungsfalle

Prof. Heike Bruch schätzt, dass jedes zweite Unternehmen in der „Beschleunigungsfalle“ sitzt und vor der sicheren Überhitzung steht. Hier versagen die Beteiligten darin, sich zu fokussieren und Lösungen für drängende Probleme zu finden.

Herkömmliche hierarchische Organisationen schaffen es nicht, in der VUKA-Welt dynamisch zu agieren. Es gibt kaum einen Moment, in dem alle Beteiligten mal durchatmen könnten. Permanente operative Hektik verhindert, dass die Teams über das, was sie jeden Tag tun, überhaupt  noch nachdenken können. Veränderungsprozesse werden zwar angeschoben, aber nicht oder nur zaghaft bewältigt. Trotz massivem externen Veränderungsdruck bleiben sie bei den alten Strukturen und Methoden. Es fehlt jeglicher Schwung, den Aufbruch zu wagen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Haben Sie schon analysiert, wie viel Energie Ihr Unternehmen hat? 

Was gibt Ihrem Unternehmen Energie? Was frisst sie auf?

Nehmen Sie sich die Zeit und denken Sie genau darüber nach. 

Erst dann können Sie damit beginnen, aktiv gegenzusteuern. 

Sicher ist: Man kann Mitarbeiter begeistern und inspirieren, damit sie Ihnen auf dem neuen Weg folgen. Aber zuallererst müssen Sie selbst wissen, wohin Sie gehen möchten. Ziele, Sinn und Werte der Arbeit müssen klar sein.

Der nächste Schritt ist, zu überlegen, wie Sie rasch aus dieser Beschleunigungsfalle herauskommen. Erst dann können Sie kleine Experimente starten, beobachten, wahrnehmen, neu justieren, reflektieren, verändern oder neu anfangen. Übrigens: Die Attraktivität von Arbeitgebern steigt immens, wenn sie sich um eine produktive und angenehme Unternehmensenergie bemühen.

Für einen ersten praktischen Versuch eignet sich dieser Team-C.O.M.P.A.S.S:

http://buhl-coaching.de/author/2015/06/21/luft-raus-im-team-mit-dem-c-o-m-p-a-s-s-gibts-wieder-pep-und-resilienz-im-endspurt-vor-der-urlaubszeit/

Ich bin davon überzeugt, dass Menschen in resilienten Organisationen viel weniger Energie zur Bewältigung ihres Alltags brauchen, weil sie sich als selbstwirksam und kompetent erleben.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? 

Was erleben Sie häufiger: Produktive oder korrosive Energie?

Wie wirkt sich das an Ihrem Arbeitsplatz konkret aus?

Diskutieren Sie hier im Blog über das Thema Unternehmensenergie. Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen und Fragen. 

Petra-Alexandra Buhl

 

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