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Fährten-Leser in Neuland: Wie finde ich einen passenden Berater für Digitalisierung in KMU?

Karl-Heinz A. ist mutig, zupackend und umgänglich. Sein Geschäft hat er vom Vater übernommen und erfolgreich ausgebaut: Vier Standorte, 150 Mitarbeiter. Seine Leute sind loyal und engagiert, die Fehlzeiten niedrig, Fluktuation gibt es kaum.

Er hat selbstverständlich ein Smartphone und ein Tablet. Allerdings kann er mit den Ratschlägen, wie er sein Unternehmen digitalisieren soll, wenig anfangen. Als ich ihn kürzlich traf, regte er sich über „das Geschwätz“ auf. Beim Vortrag einer Mittelstands-Vereinigung seien drei Empfehlungen für Führungskräfte in KMU gegeben worden. Ich zitiere:

  • Machen Sie nicht zu viele Baustellen gleichzeitig auf
  • Machen Sie Ihre Hausaufgaben
  • Übernehmen Sie die Verantwortung

So weit, so banal. Wirklich. Ich habe mir das auf der Homepage des Vortragenden angeschaut. Plattitüden werden auch als Info-Grafik nicht besser. Den Ärger von Karl-Heinz A. kann ich gut verstehen: Gestandene Unternehmer mit Gemeinplätzen zu langweilen, ist respektlos und wertet deren unternehmerische Leistung und Erfahrung ab.

Phrasen aus „der alten Business-Welt“

Digitalisierungs-Beratung ist ein sehr gutes Geschäft, deshalb springen jetzt viele auf diesen Zug auf. 2015 wurde die digitale Transformation ein Mainstream-Thema. Viele hübschen ihr bisheriges Offline-Geschäft auf, um sich als Online-Experte darzustellen. Neue Webseiten und Hochglanz-Broschüren entstehen. Es werden Profile in den sozialen Netzwerken angelegt, vielleicht gibt´s noch eine App für´s Smartphone. Dann folgt eine große Werbe-Kampagne - meist sehr aggressiv, Angst machend und abwertend. Inhaltlich bleibt das Ganze häufig so simpel und dünn wie oben geschildert.

Zudem machen viele Digitalisierungs-Berater genau das, was sie den Unternehmern vorwerfen: Sie sind nicht in der neuen Zeit angekommen und entlarven sich mit Phrasen aus der alten Business-Welt. Schlimmer: Sie verhalten sich auch so. Das ist in der digitalisierten Welt ein Problem.

Digitalisierung braucht unter anderem:

  • Vernetzung und Kooperation
  • Augenhöhe in der Zusammenarbeit
  • umfangreiche Kommunikations-Kompetenz
  • Offenheit gegenüber Andersdenkenden und neuen Konzepten
  • Dialog mit Kunden und Lieferanten
  • Transparenz

Wenn die betrieblichen Abläufe schneller, transparenter und flexibler werden, sind andere soziale Kompetenzen gefragt als in herkömmlichen Hierarchien.

Ich habe in meinen Netzwerken nach Empfehlungen gefragt:

„Wen würdet Ihr empfehlen als Experte/ -in für Digitalisierung mit Knowhow in KMU und mindestens acht Jahren Erfahrung?“

Drei Männer wurden mir als Kenner digitalen Lebens und Arbeitens genannt. Sie und ihre Unternehmen sind

  • kleiner, schneller, schlanker 
  • als digitale Wegweiser effektiver als große alte Beratungshäuser
  • Sie haben Erfahrung in offenen Gruppen-Formaten
  • Sie können beurteilen, was geht und was nicht
  • Sie können Programme und Netzwerke einschätzen
  • Sie sind in der Lage, Services zu analysieren
  • Sie können in zusammengewürfelten Teams arbeiten
  • Sie schaffen es, Menschen ins Handeln zu bringen

Alle drei haben unterschiedliche Arbeits-Schwerpunkte und nennen hier eine Reihe von nützlichen Indikatoren für die Auswahl hilfreicher Unterstützung.

Henning Schürig, Stuttgart

BildEr verweist darauf, dass vor der Beratung zwischen dem Unternehmer und dem oder der Beratenden eine grundsätzliche Verständigung zum Begriff Digitalisierung stattfinden muss: „Geht es um digitales Marketing? Um interne IT-Prozesse oder um das Enterprise 2.0, also die unternehmensinterne Social-Media-Collaboration? Oder geht es um digitale Produkte und Geschäftsmodelle? Gerade das letzte Feld ist eines, in dem noch nicht so viele Berater unterwegs sind.“ Es lohnt sich also, die Auswahl mit Bedacht anzugehen und sich auch ein wenig Zeit zu lassen. Kleiner Tipp von mir: Diejenigen, die sich selbst als "Experten für Digitalisierung" bezeichnen sind es meistens nicht 😉

Dieses Schaubild kann die Orientierung erleichtern:

http://bedigital.de/digitale-transformation/

Henning Schürig findet wichtig, dass jemand berufliche und private Erfahrung mit Digitalisierung hat, sprich: Das Thema auch lebt und beispielsweise in sozialen Netzwerken aktiv ist. „Ich würde Unternehmern raten, erst einmal ihr Netzwerk zu befragen. Wer empfiehlt wen und wofür?“

Als Indikatoren für die Auswahl von Digitalisierungs-Beratern nennt er

  • berufliche Erfahrungen
  • Vorgehen und Konzepte, die individuell abgestimmt werden
  • eigene Blogs
  • Beteiligung an öffentlicher Diskussion zum Thema Digitalisierung
  • die Fähigkeit, fachlichen Input an das jeweilige Unternehmen anzupassen
  • Kunden-Referenzen aus KMU
  • Dozenten-Tätigkeit in relevanten Feldern

http://bedigital.de/ueber-uns/

 

Frank Tentler,  Oberhausen

1526741_10201589535034348_1505720019_n„Ich würde den Berater an seinen Aufträgen messen und Kollegen fragen, die seine Beratung genossen haben. Dann bekommt man eine ehrliche Antwort. In welchem Zustand ist das beratene Unternehmen bzw. der Kunde nach der Beratung?“ Zur Sortierung sei grundsätzlich zu überlegen, ob es um einen Berater geht, der Anwender-Wissen vermitteln soll oder um einen, der die Prozesse beschleunigen soll. Danach sei zu überlegen, ob es die klare Bereitschaft gibt, die Unternehmensstrukturen zu verändern.

  1. „Geht es nur um ,me too‘, weil alle anderen das auch machen und ich mindestens genauso gut werden will wie Sie?
  2. „Oder sage ich als Unternehmer ein klares Ja zur Digitalisierung und damit zu einer anderen, offeneren Unternehmenskultur? Dann muss ich mehr erzählen als bisher und eine neue Kultur zulassen. Das bedeutet automatisch Kontrollverlust.“

„listen - learn - lead“ sei nicht nur für den Berater, sondern auch für den Unternehmer wichtig: „Wer in einer Netzwerk-Welt arbeiten will, muss auch in die Netzwerk-Welt eintauchen und daran teilnehmen“, sagt er. Auf Zusammenkünften von Netzwerken würden die Adressen von nützlichen Dienstleistern ausgetauscht und Erfahrungen besprochen. Denkbar sei auch, die Verbände nach Empfehlungen zu befragen.

„Wer sich in der Öffentlichkeit als besonders teuer darstellt, hat oftmals noch gar kein Projekt umgesetzt“, sagt Frank Tentler. Eine kostenlose Hilfe, um Beratungsqualität im Digitalen zu messen, sei auch der Klout-Wert eines Projektes: „Wenn der in einem Jahr nicht über 40 gestiegen sind oder nicht dauerhaft bei um die 50 steht, war das Projekt nicht erfolgreich. Wenn es außerdem keinen Account bei Twitter oder Facebook gibt, ist da dauerhaft etwas schief gelaufen.“

Frank Tentler rät deshalb:

  • genaue Ziele zu entwickeln und aufzuschreiben
  • ein Budget zu erstellen
  • sich die Konkurrenten anzuschauen
  • eine Analyse der Mitbewerber zu erstellen oder jemanden zu beauftragen
  • zwischendurch immer wieder inne zu halten und zu überprüfen

http://franktentlercom.flavors.me

 

Falk Schmidt,  Nidda in Hessen

Bild 1"Digitalisierung klingt oft hochtrabend", sagt er, "dabei geht es einfach darum, Businessprozesse mit moderner Technologie zu vernetzen. In der Bestandsaufnahme zeigt sich meist, was schon gut funktioniert und wo es Verbesserungspotenziale gibt. Im Grunde geht es um eine Art subjektive Sicherheit bei der Auswahl. Entscheider in KMU kommen nicht umhin, sich mit dem Thema Digitalisierung selbst grundsätzlich zu befassen. Nur mit diesem Grundwissen können sie beurteilen, was ihnen angeboten wird.“ Zunächst sei es wichtig, zu überlegen: Was genau wollen wir verändern?

„Der Kunde will nicht ,Digitalisierung machen‘. Er will sein Geschäft voranbringen und innovative Möglichkeiten nutzen. Es geht um hochgradig strategische Entscheidungen. Unternehmen, die so unter Druck stehen, dass sie für das Thema Digitalisierung gar keine Zeit haben, betrifft das sowieso nur am Rande.“

Seine Empfehlungen für die Auswahl eines Digitalisierungsberaters:

  • Ein guter Digitalisierungs-Berater versteht zunächst einmal etwas von Geschäftsprozessen.
  • Erkennbare Erfahrungen machen ihn zu einem Gesprächspartner auf Augenhöhe. 
  • Er kann zuhören, reflektiert Prozesse des Kunden kritisch und spiegelt sie an eigenen Projektbeispielen und Referenzen.
  • Der Methoden-Werkzeugkasten des Beraters ist gut gefüllt mit einer Vielzahl innovativer Instrumente, von denen die individuell perfekt passenden (und nur diese!) ausgewählt werden.
  • Projektbeispiele und Empfehlungen
  • Nicht zuletzt das eigene Bauchgefühl ist ein guter Ratgeber bei der Beraterwahl. 

http://falkschmidt.com

Unstrittig sind zwei Punkte:

Branchen-Kenntnisse sind unnötig

Ihr Berater für Digitalisierung ist vorrangig ein Berater für Geschäftsprozesse. Er musst nicht unbedingt ein Experte Ihrer Branche sein. Das Wissen über Geschäftsprozesse und Spezifika Ihres Unternehmens müssen Sie beisteuern.

Vorsicht bei „digitalen Gütesiegeln oder Zertifizierungen“

Gerade im digitalen Bereich gibt es Menschen mit enormer Erfahrung und umfangreichem praktischen Knowhow. In der Regel steht das bei den echten Kennern digitaler Arbeit nicht auf einem „oofiziellen“ Papier. Ein Social Media-Zertifikat macht aber noch lange keinen Experten.

Zurzeit überwiegen in den meisten KMU kleinere Projekte, Experimente und Versuche. Dafür werden Menschen gebraucht, die sich in „Neuland“ auskennen, Fährten lesen, analysieren und bewerten können. In vielen Fällen werden Sie auf Experten mit Erfahrungen in größeren Unternehmen treffen (denn diese beschäftigen sich bereits seit knapp 20 Jahren mit Digitalisierung). Gerade vor diesem Erfahrungshintergrund bieten sie für KMU schnelle Aktion und offene Diskussion, haben üblicher Weise keine fertigen Konzepte für die Stange in der Tasche, die sie einfach überstülpen.

Falk Schmidt hat nach unserem Gespräch einen lesenswerten ergänzenden Artikel geschrieben, den ich gerne verlinke:

"5 Aufgaben des Chief Digital Officer (CDO) - und warum Sie keinen CDO brauchen"

http://falkschmidt.com/2016/01/5-aufgaben-des-chief-digital-officer-cdo-und-warum-sie-keinen-cdo-brauchen/

Hier macht Falk Schmidt auch noch einmal klar, dass Digitalisierung keine Option ist, kein Hype, der irgendwann auch wieder vorüber geht. Wer mitziehen will, ist gut beraten, sich schleunigst daran zu machen, die eigene Unternehmenskultur zu verändern, damit die Digitalisierung gelingt.

Petra-Alexandra Buhl

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