CSR: „Moralische Verantwortung bleibt im Unternehmen, wenn´s schief geht“

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Ein pragmatischer Manager mit Humor, Physiker mit einem Faible für Philosophie und Kultur: Prof. Dr. Werner Sohn hat u.a. für Lufthansa, Deutsche Bahn und Deutsche Post DHL und Danzas gearbeitet. Weil er sich in der Logistik bestens auskennt, hat er seit 2012 die Stiftungsprofessur Spedition und Logistik an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin inne.

Er hat außerdem eine Software entwickelt, die kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) dabei unterstützt, Corporate Social Responsibility (CSR) im Unternehmen zu etablieren und der Berichtspflicht nach zu kommen.

In diesem Interview sagt Prof. Sohn, weshalb

  • Corporate Social Responsibility dazu dient, Fachkräfte zu gewinnen
  • weshalb CSR ein Wettbewerbsfaktor für KMU ist
  • Unternehmen CSR nicht als „Ablasshandel“ betreiben dürfen

Herr Professor Sohn, vor der Corporate Social Responsibility kommt die Werte-Diskussion in Unternehmen - oder?

Das ist eine schwierige Frage. Ich würde die Werte-Diskussion und Corporate Social Responsibility nicht notwendigerweise in einen Topf werfen. CSR-Berichte zu erstellen und zugleich einen Werte-Rahmen zu setzen, ergänzt sich. CSR bildet einen Rahmen, an dem sich Unternehmen entlang hangeln und orientieren können. Allerdings ist der klassische Werte-Kanon im Alltag viel enger gefasst als das, was man vollumfänglich als CSR bezeichnen würde. Speziell in der Logistik-Industrie zeichnet sich aber ein eindeutiger Shift ab: Es geht weg von der Nachhaltigkeit als rein ökologischem Schwerpunkt, hin zu einem breiteren Verständnis von CSR.

Was heißt das?

Nun, bislang ging es hauptsächlich um den CO2-Fußabdruck von Unternehmen, jetzt ist das fast tot geritten und Allgemeingut. Deshalb erweitern Unternehmen ihren Betrachtungsrahmen und sehen sich Themen an, die darüber hinaus gehen, zum Beispiel den Umgang mit den Mitarbeitern und humanitäres Engagement.

Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) sind als Zulieferer zunehmend herausgefordert, verantwortungsvoll zu wirtschaften, Transparenz zu zeigen, sich sozialen und ökologischen Aspekten zu widmen. Wie ist das in der Logistik, die Sie genauer untersucht haben?

Der Auswahlprozess für die Lieferanten hat sich sehr professionalisiert. Früher war das - ich sag´s salopp - eher hemdsärmelig und basierend auf persönlichen Netzwerken. In der Logistik werden vor allem Transport-Leistungen eingekauft, die dann ein Fracht-Führer durchführt. Hier gibt es inzwischen eine bewusste Auswahl, die persönlichen Beziehungen spielen weniger als früher eine Rolle. Es gibt stattdessen eine klar strukturierte Kriterienliste, was die Informationspflicht der Lieferanten betrifft, etwa Selbstauskünfte zu Fahrzeugen, Fahrer-Schulungen, Feinstaub, Lärm reduzierende Maßnahmen etc.

Ab 2017 soll eine CSR-Berichterstattungspflicht für Unternehmen ab 500 Beschäftigte gelten. Dann werden die Firmen gezwungen, ihre CSR-Aktivitäten offen zu legen. Wie wirkt sich das auf die KMU aus, die unter der gesetzlich verpflichtenden Grenze liegen?

Sie stehen ebenfalls unter erhöhtem Druck, die CSR-Berichterstattung einzuführen. Wer das nicht liefert, hat automatisch einen Makel. Wenn ein Unternehmen, das seinen CSR-Fußabdruck nicht offen legt, mit einem Unternehmen konkurriert, das „CSR-transparent“ ist, stellt sich das erstere explizit schlechter. Große Unternehmen haben klare Kriterien für ihre Lieferantenauswahl und erwarten Qualität, faire Preise und ein verantwortungsvolles Handeln der Lieferanten. Deshalb spielen hier auch die Mitarbeiter-Fluktuation oder Management-Probleme eine Rolle. Auf Dauer kommt daran keiner vorbei, denn ein schlechtes Image bei den Lieferanten würde auf die großen Unternehmen abfärben. Unwürdige Arbeitsbedingungen in der Zulieferkette wie in den Fabriken in Bangladesch und Kinderarbeit sind nicht tolerierbar.

Viele Chefs von KMU sagen, sie hätten nichts gegen CSR, es sei aber langwierig und aufwändig, entsprechende Prozesse einzuführen. Stimmt das?

Im Moment hapert es zuerst daran, dass kleinere Unternehmen niemanden haben, der sich um das Thema CSR kümmert. Es kann zum Einen nicht sein, dass das der Geschäftsführer selbst oder sein Assistent übernimmt, die sind bereits mehr als ausgelastet. Zum Anderen müssen sich viele KMU erst einmal damit beschäftigen, was CSR überhaupt ist, viele wissen das gar nicht. CSR ist eben nicht nur rein ökologische Nachhaltigkeit und auch nicht nur Sponsoring für Vereine.

Was sind die größten Hürden bei der Implementierung von CSR?

Zum Einen die Erfahrung mit dem Thema, zum Anderen Klarheit. Was ist für uns relevant? Wie viel Aufwand erzeugt das? Welche Daten brauchen wir und wie kann ein strukturierter Prozess aussehen, mit dem wir diese Datenbeschaffen und in einem Bericht zusammen führen? Für kleinere Firmen im Mittelstand ist das nicht so einfach. Dazu braucht es eine kleine Anschub-Hilfe. Es stellt sich immer die Frage: Was sage ich über mich selbst? Gebe ich zuviel preis? Da gibt es eine Reihe von Ängsten, die man in Betracht ziehen muss. Meine Forschungsergebnisse zeigen eindeutig: Es ist schlecht für´s Unternehmensimage und schlecht für das Anwerben von Mitarbeitern, wenn man zu sehr hinter dem Berg hält mit dem CSR-Fußabdruck. Ebene deshalb habe ich ein Tool entwickelt, das den Zugang zu CSR besonders einfach macht und mit dem man sehr schnell die wichtigsten Komponenten - CSR-Berichte und CSR-Überprüfung der Zulieferer - gerade in KMU umsetzen kann.

Das heißt, CSR muss künftig Chefsache sein?

Natürlich braucht es eine konsequente Entscheidung des Managements dazu und eine entsprechende Priorisierung. Wenn die Themen-Schwerpunkte festgelegt sind, kann man die nächsten drei bis fünf Jahre planen und überlegen, wie CSR pragmatisch berichtet und umgesetzt wird. Auch hier gilt: Übung macht den Meister. Wenn man die Berichtsprozesse ein paar Mal durchlaufen hat, werden sie zur professionellen Routine.  Das heißt nicht, dass man mit CSR jahrelang beschäftigt ist, aber man muss die Prozesse ein paar Mal durchlaufen, bis sie professionell sind.

Bergen standardisierte Prozesse nicht die Gefahr, dass CSR einfach nach Katalog „abgehakt“ wird?

Gute CSR-Statements in Unternehmen erkennt man sofort. Da findet man die üblichen Worthülsen-Standards eben genau nicht, die Unternehmen haben eigene Vorgaben und Leitlinien entwickelt. Auch die Lieferanten werden konsequent eingebunden. Verhaltensregeln wie ein „code of conduct“ haben direkte Rückwirkung auf die Lieferanten, da wird ein Mindestmaß an Standards erwartet, etwa bei den Arbeitsbedingungen oder beim Kampf gegen Korruption.

Häufig wird Kritik laut, CSR-Projekte seien inzwischen zu einem Feigenblatt verkommen.

Die schriftlichen Zusicherungen von Lieferanten haben leider immer noch oft einen „Persilschein“-Charakter. Da geht es um die formale, juristische Absicherung und jeder glaubt „wenn´s Probleme gibt, kann ich sagen, ich habe ja Alles gemacht und kann es sogar nachweisen.“ Das zu unterschreiben, aber nicht zu leben, bringt keinen weiter. CSR ist kein Rechts- sondern ein Verantwortungs-Thema. Die moralische Verantwortung bleibt beim Unternehmen, auch wenn´s nur beim Lieferanten schief geht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Petra-Alexandra Buhl

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