Wenn Lebensentwürfe an ihre Grenzen kommen: Drei persönliche Beispiele, wie ich mit Wandel umgehe

„Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben. Aber es hat nur genau so viel Sinn, wie wir ihm geben“. Hermann Hesse

Mut hat für mich zwei Seiten: Eine aktive, die Handlung erzeugt und ein Wagnis annimmt voller Überzeugung „ich mach´s“. Die andere Seite von Mut ist, etwas nicht oder nicht mehr zu tun. „Ich nicht“ oder „Mit mir nicht mehr“ beruht auf Überzeugungen, innerem Widerstand oder weil eine Gefahr erkannt und eine Handlung verweigert wird.

Beide Seiten von Mut habe ich in drei Umbrüchen in meinem Leben erlebt, die zu großen Veränderungen geführt haben. Ich beschreibe sie hier. Es waren idealtypische Lebensumwälzungen. Sie warfen Fragen auf, vor denen früher oder später fast jeder steht.

Für alle drei Umbrüche habe ich existenziellen Mut gebraucht. Die Gefahr bei einer solchen Veränderung ist, dass eine Persönlichkeit dabei destabilisiert wird, weil Unterstützung, Halt und Strukturen weg fallen. Um solche Situationen gut zu meistern, braucht ein Mensch Resilienz. Wenn sich jemand flexibel an Veränderungen anpassen und damit einhergehende Belastungen ausgleichen kann, ist er resilient. Er kann trotz widriger Umstände gedeihen und sogar daran wachsen.

Ich erlebe das sehr häufig bei meinen Klienten in der Lebensmitte. Sie kommen an die Grenze bisheriger Überzeugungen und Lebensentwürfe. Manchmal wandeln sie sich radikal. Wenn ich bei jemandem spüre, dass er klar ist und entschlossen handelt, ermuntere ich zur Veränderung. Klarheit bringt die Kraft für den Wandel.

  1. Der Wechsel nach Sachsen

Aufgewachsen bin ich am Bodensee und habe von 1992 bis 1997 in Tübingen studiert. In den ersten Jahren nach der Wende drehten sich viele Lehrveranstaltungen um die DDR und das, was von ihr übrig ist. Ich hatte keine Verwandten in der DDR und kannte das Land nicht. Auf einer Berlin-Klassenfahrt habe ich 1988 einen Tag in Ost-Berlin verbracht, mehr nicht.

1997 war der Vereinigungs-Rausch bereits verflogen. Es traten viele Schwierigkeiten zu Tage und die Transformation war unglaublich mühevoll. Die tägliche Kärrner-Arbeit von Veränderung zu leisten, ist viel schwerer, als vor dem Brandenburger Tor zu feiern. Mich interessierte, wie das in der Praxis funktioniert.

Ich zog in eine Stadt, die ich nicht kannte und nie besucht hatte: Dresden. Ich hatte lediglich einen Praktikanten-Vertrag in der Tasche und wollte nur zwei Monate bleiben. Am Ende wurden 17 Jahre daraus. Ich machte umfangreiche Erfahrungen mit tiefgreifender Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft und lernte viel.

Drei Punkte haben diesen Wandel glücken lassen:

  • Hoffnung und Zuversicht

Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass Alles gut ausgeht, das hat mich beflügelt. Mit dieser inneren Sicherheit und großem Optimismus habe ich dieses Abenteuer als spannende Herausforderung begrüßt.

  • Bestehendes hinterfragen, sich dem Neuen öffnen

Im Studium hatte ich gelernt, das Bestehende zu hinterfragen. Ich hatte einen freien, vorbereiteten Geist. Nun hatte ich Gelegenheit, Erlerntes an einem anderen Lebensentwurf abzugleichen und mit anderen zu diskutieren. Es waren äußerst spannende Jahre mit prägenden Erlebnissen. Ich hätte sie nicht erlebt, wenn ich in Baden-Württemberg geblieben wäre.

  • Mut zum Risiko und Ziele

Ich hätte auch scheitern können. Wie gesagt: Ich hatte einen (unbezahlten) Praktikanten-Vertrag und es war ungewiss, wie es weitergeht. Dennoch bin ich gegangen - im Vertrauen darauf, dass sich die Dinge irgendwie für mich ordnen werden und es Gelegenheiten geben wird, meine Träume zu verwirklichen.

Selbstgewählte Veränderungen sind am leichtesten zu bewältigen, das sehe ich in der Rückschau. Wie von Zauberhand fügt sich Alles zusammen. Es gibt keine Probleme, die unüberwindbar erscheinen. Einschränkungen oder schlechte Bedingungen sind Teil des Abenteuers und werden nicht als Defizit oder Mangel erfahren.

In den Dresdner Jahren gab es eine lange Zeit der Euphorie und der überzogenen Erwartungen, die bis etwa 2000 dauerte. Die erste Ernüchterung federte ich mit einem Auslandsstipendium ab. Danach kamen die Dinge mit dem ersten Führungsjob in eine geordnete, lebbare Form. Zugleich kündigten sich durch den rasanten Medienwandel neue - ungewollte - Veränderungen an. Schon um 2004 war mir klar, dass ich den Tageszeitungs-Journalismus, den ich so liebte, nicht werde bis zur Rente machen können. Die Arbeitsbedingungen wurden mit jedem Jahr schlechter und ehe ich mich versah, war ich eher „Redaktions-Beamte“ als eine Reporterin, die draußen dem Leben nachspürt.

2. Selbstständigkeit

Zehn Jahre lang hatte ich „Alles richtig gemacht“, wenn man lineare Aufstiegs-Phantasien als Meßlatte nimmt. Ich hatte mich von der Praktikantin zur Führungskraft hochgearbeitet. Die geglückte Anpassung wurde mit einem festen Arbeitsvertrag belohnt, der mit meinem 65. Lebensjahr enden sollte.

Als ich den gelesen habe, meldeten sich die ersten Zweifel: „War´s das jetzt?“ Branchen unter existenziellem Druck fördern ein Umfeld der Konkurrenz, fehlender Wertschätzung und eine Kultur des Runtermachens. Wenn Rendite gegen Recherche steht, entsteht Sinnverlust. Das, wofür ich angetreten war, existierte gar nicht mehr.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Stress und kreative Langeweile zugleich eine unerträgliche Kombination für Mitarbeiter sind. Ich fürchte, diese Bedingungen sind in großen Unternehmen weit verbreitet. Zumindest begegne ich dem sehr häufig und spüre die gleiche Mischung aus Wut, Resignation und Frustration, die ich damals erlebt habe.

Es dauert Jahre, bis die Einsicht reift, dass die Verhältnisse aus eigener (Führungs-)Kraft nicht verändert werden können. Es braucht Mitstreiter, die einen unterstützen. Wer sie nicht findet, muss die Bedingungen akzeptieren, wie sie sind oder gehen. Niemand kann ein Unternehmen ändern, das jemand anderem gehört.

Veränderung unter Leidensdruck tut weh. Wer sich gegen die Zumutungen wehrt und kündigt, wird von der jeweiligen Organisation als „Verräter“ betrachtet und quasi „ausgestoßen“. Ein Umfeld, das Anpassung belohnt, applaudiert bei Ihrem Auszug nicht.

Wenn Sie die Sicherheit und Bequemlichkeit einer Festanstellung opfern, ist viel sozialer Mut nötig. Sie nehmen allen anderen die Ausreden weg und zeigen, dass es möglich ist, andere Entscheidungen zu treffen. Es braucht Mut, diesen Schritt zu wagen, und damit klar zu kommen, dass man von einem Tag zum anderen nicht mehr so „wichtig“ ist und Privilegien verliert. Meine Entscheidung war über Jahre gereift und kein Schnellschuss. Ich war mir ganz sicher, dass etwas Besseres auf mich wartet.

Drei Punkte haben diesen Wandel glücken lassen:

  • Entscheidung Haben oder Sein

In dieser Zeit habe ich viel über mein Leben und meine Prioritäten nachgedacht. Lebensqualität ist mir viel wichtiger, als eine bestimmte Position oder Konsum. Nach meiner Kündigung sprach ich mit Kollegen, die meinen Entschluss bewunderten und sagten: „Ich würde es genauso machen, wenn ich etwas anderes hätte.“

Die Aussicht, selbst gestalten zu müssen und den gewünschten Zustand nicht auf dem Silbertablett serviert zu bekommen, hält viele davon ab, ihrem Herzen zu folgen. Auch der Wunsch nach einem hohen Lebensstandard.

  • Die Orientierung an einer möglichen besseren Zukunft

Ich war mir sicher, dass es möglich ist, abseits vom Gewohnten gut zu leben und habe dafür investiert. Es ist wichtig, ins Handeln zu kommen und es nicht bei Tagträumen zu belassen.

  • Investitionen in das Neue und daran glauben

Zwei mehrjährige Ausbildungen verschafften mir das Handwerkszeug, einen neuen Anfang zu wagen und meine Selbstständigkeit auf sicheren Boden zu stellen. Neues Wissen und Unterstützung von anderen Selbstständigen gaben mir ein Fundament und neue Stabilität.

3. Der Entschluss, die Eltern zu pflegen

Längst hatte ich beschlossen, in Dresden alt zu werden und die Annehmlichkeiten der Großstadt zu genießen. Aber dann wurde meine Mutter 2013 schwer krank und auch mein Vater braucht Betreuung. Ich beschloss, Dresden zu verlassen und an den Bodensee zurückzugehen, um meine Eltern zu pflegen.

Dieser Wandel war selbstgewählt und ging relativ leicht vonstatten. Es ist eine Frage der eigenen Bewertung der Situation und der inneren Klarheit „ich will das jetzt machen“. Diese Leichtigkeit braucht es für diese Aufgaben, die oft schwer zu bewältigen sind.

Was mir besonders auffällt, ist, dass es für diesen Entschluss ein erwachsenes Agieren braucht. An der erstaunten, oft abwehrenden und befremdeten Reaktion vieler Menschen merke ich, dass sie auch in höherem Lebensalter in ihrem Kinder-Ich befangen sind. Viele müssen sich extrem abgrenzen: „Ich könnte mir überhaupt nicht vorstellen, meine Eltern zu pflegen“.

Oder sie sind so mit Vater und Mutter verhaftet, dass sie sich nicht genug abgrenzen können. Sie opfern sich komplett auf, sorgen nicht für sich selbst und erschöpfen sich in der Pflege. Letztlich muss jeder für sich entscheiden, wie er damit umgeht, dass die Eltern alt werden, Hilfe brauchen und sterben.

Ich habe mich dafür entschieden, diese letzten Jahre zu begleiten und auf einige Dinge vorübergehend zu verzichten - zum Beispiel darauf, viel Geld zu verdienen. Das ist mit der Pflege von Angehörigen nicht vereinbar.

Warum dieser Wandel geglückt ist:

  • Klarheit und der Mut zum Verzicht

Unentschiedenheit kostet am meisten Kraft. Ich habe ein halbes Jahr versucht, mit einem Bein in Dresden und mit einem Bein am Bodensee zu leben. Es hat für mich nicht gut funktioniert. Als Angehöriger von Pflegebedürftigen müssen andere Dinge für eine gewisse Zeit zurückgestellt werden.

  • Sich selbst steuern

Mir war bewusst, dass schwierige Aufgaben auf mich zu kommen und dass ich mit ganzer Kraft gefordert bin. Ich habe einen inneren Plan entworfen, dem ich seither folge. Zeiten der Pflege wechseln sich mit Zeiten für meine eigene Arbeit ab. Außerdem gibt es einen Freiraum für mich und meine Regeneration. Das Alles geht nur in Absprache mit meinen Eltern und mit meiner Schwester, mit guter Planung und gegenseitiger Rücksichtnahme.

  • Sich selbst in den Dienst einer höheren Sache zu stellen

Es erschien mir wichtig, meinen Egoismus zurückzustellen und meine Eltern zu unterstützen. Es wäre für mich sicher „bequemer“ gewesen, mein altes Leben beizubehalten. Mit fortschreitendem Alter spüre ich jedoch, dass es mir mehr Freude bereitet, für andere da zu sein und mich in den Dienst zu stellen - für andere Menschen, für eine Sache, für bestimmte Ideen.

Fazit:

Das Leben besteht aus Phasen und wandelt sich immer ständig. Jetzt ist es so und in ein paar Jahren wird es wieder ganz anders sein - wie genau, weiß ich nicht. Aber ich akzeptiere den Wandel und weiß, dass ich damit umgehen kann. Diese Erkenntnis ist wichtig, damit man die Angst vor Veränderungen verliert und sich immer wieder neu einlassen kann. Es macht mich traurig zu sehen, wie viele Menschen mit zunehmendem Alter verbittern und sich eher verschließen, als sich mutig der Erneuerung zu stellen.

Welche Erfahrungen haben sie mit Umbrüchen gemacht?

Wann haben Sie gespürt, dass Ihr Lebensentwurf an seine Grenzen kommt?

Was hilft Ihnen, Wandel zu überstehen?

Petra-Alexandra Buhl

4 Gedanken zu „Wenn Lebensentwürfe an ihre Grenzen kommen: Drei persönliche Beispiele, wie ich mit Wandel umgehe

  1. Liebe Frau Buhl,

    ein sehr mutiger und ehrlicher Beitrag, wie ich finde.

    Für mich war besonders ermutigend, dass der Wechsel in die Selbständigkeit nicht abrupt erfolgen muss, sondern zuweilen Jahre in Anspruch nimmt, was die mentale Vorbereitung anbelangt, das eigene Mind Set.

    Ich befinde mich gerade in einer Phase, wo ich mich mental auf den Schritt in die Selbständigkeit vorbereite. Dabei beschäftige ich mich vor allem mit all den Ängsten, die in mir hochkommen. Auf der anderen Seite probiere ich aber auch viel aus, komme ins Machen, und zwar neben meinem Angestelltenjob.

    So schreibe ich gerade zusammen mit einem Freund an einem Sachbuch über den digitalen Wandel oder besuche ab September die Smart Business Intensivgruppe Herbst 2016 von Ehrenfried Conta Gromberg und seiner Frau.

    Ich denke, dass die Konfrontation mit den eigenen Ängsten und das Machen zwei ganz wesentliche Aspekte sind, wenn wir tatsächlich etwas an unserem Leben verändern wollen. Dazu habe ich neulich auch einen Podcast gehört: http://www.earthcity.de/i-love-mondays-012-angst-vor-der-selbststaendigkeit/. Vielleicht auch etwas für die Leser und Leserinnen Ihres Blogs …

    Herzlich, Marcus Klug

    1. Bravo, lieber Herr Klug: Beides gehört nämlich zusammen – sich den eigenen Ängsten zu stellen und gleichzeitig ins Tun zu kommen, auszuprobieren, was trägt. Danke für Ihren Kommentar. Ich bin gespannt auf Ihren Weg in die Selbstständigkeit und wünsche Ihnen viel Glück und viel Erfolg!

      Herzliche Grüße! 🙂
      Petra-Alexandra Buhl

  2. Wandel ist das Stichpunkt auf das ich anspringe.
    Ich hatte Anfang des Jahres eine Phase von Misserfolg, nichts wollte klappen, alles ging schief, kein Projekt so richtig erfolgreich, irgendwann wurde das Geld knapper und verstehen konnte oder wollte mich auch keiner. Keiner hatte mehr an mich und meine Idee geglaubt. Wie ich diese Phase überstanden habe? Ich habe mir die Kritik neutral als Feedback angehört und die Lernerfahrung daraus gesucht.

    LG
    Chris

  3. Bereits Heraklit hat mit seinem “panta rhei” erkannt, dass nichts Bestand hat. Ebenso wie die Glücksmomente nicht von Dauer sind, sind auch die Phasen, in denen es mal nicht so gut läuft, ebenfalls vergänglich.

    Allein das zu wissen macht Wandel leichter, und ebenfalls einfacher, durch Krisen zu kommen, wie ich finde.

    LG aus Köln

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