Graf Zeppelin und die 12 Erfolgsgeheimnisse der Innovation für Unternehmer

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Beitrag zur Blog-Parade "Zeppelin", BarCamp Konstanz 2015

Die silberne „Zigarre“ am Himmel - ein überraschender Anblick, gewohnt und doch fremdartig, irritierend. Ein Original, ein ästhetisches Wunderwerk der Technik. Eine Denkpause.

Denkpause? Ja. Der Zeppelin fasziniert. Es bleibt nicht bei einem kurzen Blick. Ich schaue immer mehrmals hin. Dieses Luftschiff ist ebenso anachronistisch wie futuristisch. Es vereint die scheinbaren Gegensätze alt und neu. Eine Utopie aus der Vergangenheit, die sich in die Gegenwart gerettet hat. Nach mehr als einem Jahrhundert beflügelt sie immer noch die Gedanken.

Nehmen wir den Zeppelin NT07: Er benötigt weder Start- noch Landebahnen. Gefüllt mit nicht brennbarem Helium ist er nur zum Vortrieb auf Treibstoff angewiesen. Für ein Luftfahrzeug ist er verhältnismäßig leise, außerdem kostengünstig und umweltfreundlich.

Basierend auf diesen Prinzipien lohnt es sich, das Modell Zeppelin neu zu denken. Davor sehen wir uns an, wie der Zeppelin entstand und auf welchen Erfolgsprinzipien der Innovation er beruht.

Wer nichts über den Erfinder wissen möchte, scrollt gleich weiter zu „Welchen Prinzipien folgt ein herausragender Innovator?“

Wie wird jemand zum Innovator?

Der Vater des Zeppelins - Ferdinand Adolf Heinrich August Graf von Zeppelin - war vielseitig interessiert, belesen und kultiviert, aus adligem Haus und in guter Partie verheiratet. Er hätte Beamter mit einer sicheren Position werden oder seine Militär-Karriere weiter verfolgen können. Beides hätte ihm im Deutschen Reich hohes gesellschaftliches Ansehen garantiert.

Er wollte es anders und entschied sich für die Risiken des Unternehmertums. Graf Zeppelin hatte Eigenschaften und Interessen, die ihm dabei zugute kamen: Es ist bekannt, dass er sein Leben lang Tagebuch führte und umfangreiche Selbstreflexion betrieb. Viele Unternehmer, Visionäre und Kreative profitieren davon, ihre Gedanken festzuhalten und dabei Ideen zu sortieren.

Graf Zeppelin war neugierig, weltoffen und bestens vernetzt. Neben fachlichen Kompetenzen wie dem Studium der Staatswissenschaft, Maschinenbau und Chemie in Tübingen verfügte er über weltmännischen Geist, bereiste u.a. die USA und Großbritannien und war fasziniert vom militärischen Einsatz von Ballonen.

Seinen Mut und seine Risikofreude stellte er im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 mit einem Erkundungs-Ritt hinter die feindlichen Linien unter Beweis. Drei Jahre später befasste er sich erstmals mit der Idee, ein lenkbares Luftschiff zu bauen.

Doch zunächst blieb er noch zehn Jahre im aktiven Militärdienst, während er vom Luftschiff-Bau träumte. Wie viele andere Unternehmer schied der Graf nach Konflikten mit Vorgesetzten aus, ehe er sich ganz seinem Traum, der Konstruktion eines starren Luftschiffes, widmete.

Seine ersten Unternehmer-Jahre waren geprägt von Schwierigkeiten, Geldnot und fehlender Anerkennung. Eine Serie von Unfällen mit den Prototypen brachten ihm den Titel „der Narr vom Bodensee“ ein, manchmal wurde er sogar auf offener Straße ausgelacht. Kaiser Wilhelm II nannte ihn sogar den „Dümmsten aller Süddeutschen“.

Trotz der großen Widerstände blieb er beharrlich und optimistisch. Der Graf suchte aktiv nach Unterstützern und pflegte ein großes Netzwerk. Seit 1896 war er Mitglied im Verein Deutscher Ingenieure (VDI), der das Luftschiff-Projekt unterstützte. Zwei Jahre später gelang es ihm, durch die Kooperation mit einflussreichen Industriellen eine Aktiengesellschaft zur Förderung der Luftschifffahrt zu gründen. Er war ein Mann mit einer starken Vision und der Zuversicht, dass er es schaffen könne:

„Für mich steht naturgemäß niemand ein, weil keiner den Sprung ins Dunkel wagen will. Aber mein Ziel ist klar und meine Berechnungen sind richtig.“

Er ging Risiken und Konflikte ein und zog Konsequenzen, wenn etwas nicht klappte. Er hatte Biss und Durchhaltevermögen: Es dauerte mehr als  30 Jahre, bis sein erstes Luftschiff flog.

Welchen Prinzipien folgt ein herausragender Innovator?

Der Graf hat intuitiv schon damals 12 moderne Erfolgsprinzipien der Innovation befolgt:

  1. Ford-Prinzip. Henry Ford sagte einmal, wenn er die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie „schnellere Pferde“ verlangt. Graf Zeppelin hat beobachtet, wie Ballons für militärische Zwecke verwendet wurden und kam zum Schluss, dass es etwas Neues braucht. Er ist nicht beim Produkt Ballon stehen geblieben, sondern hat ein neues Konzept für die Luftfahrt entwickelt, das die Kunden schließlich begeisterte.
  1. Yogi-Berra-Prinzip. Wer seine Kunden versteht und begreift, wie sie ein Produkt benutzen, lernt die Verbesserungsmöglichkeiten kennen. Graf Zeppelin erlebte, wie abhängig die Freiballons von der Windrichtung waren und wie schlecht sie gelenkt werden konnten. Die Erfahrung und Kritik der Ballonfahrer erfuhr er im persönlichen Gespräch, nicht am Schreibtisch. Genaue Beobachtung und sensible Wahrnehmung legten den Grundstein für seine Innovation.
  1. Kleines-Schwarzes-Prinzip. Unzählige Dienstleistungen und Tarife, Sondermodelle und Angebotspakete verwirren die Kunden. Sie schätzen Vielfalt und Komplexität nur begrenzt. Erfolgreiche Innovatoren wie Zeppelin beschränken sich deshalb auf wenige Modelle und verbessern diese laufend. Statt komplexer Systeme schaffen sie elegante Lösungen. Das Smart-Motto „Reduce to the max“ gilt schon für frühe Pioniere der Mobilität wie Zeppelin.
  1. Ästhetik-Prinzip. Bis heute fasziniert das unverwechselbare, schlichte und zeitlose Design der „Zigarre“. Es dauerte Jahrzehnte, bis andere Unternehmen begriffen, dass schlecht gestaltete Produkte den Kaufwillen von Kunden reduzieren. Design ist nicht nur wichtig für die Außenwirkung, sondern ist ein Wert, der sich direkt in Umsatz niederschlägt. Apple ist dafür ein herausragendes Beispiel.
  1. Methusalem-Prinzip. Der Zeppelin wird unabhängig vom Alter geliebt und genutzt - Kinder schätzen ihn ebenso wie Senioren. Das sollte ein zentraler Antrieb für Innovationen im Zeitalter des demographischen Wandels sein: Universal Design, das sich von Menschen unterschiedlichster Altersgruppen und Fähigkeiten nutzen lässt.
  1. Widerstands-Prinzip. Der Zeppelin wurde Anfang des 20. Jahrhunderts belächelt, sein Erfinder verspottet. Skepsis begegnete ihm bei Experten, in der eigenen Familie, bei Kunden und natürlich bei der Konkurrenz. Die ausgeprägten Widerstände gegen das Neue, Ungewohnte hat Graf Zeppelin nach und nach überwunden. Der Bau des zweiten Zeppelins wurde möglich durch Spenden von begeisterten Technik-Enthusiasten. Als der Zeppelin LZ4 1908 bei Echterdingen verunglückte, gab es eine enorme Hilfsbereitschaft, die in der „Zeppelinspende des deutschen Volkes“ gipfelte. Sie schuf die Grundlage für die Luftschiffbau Zeppelin GmbH und die Zeppelin-Stiftung. Schließlich wurde das Luftschiff sogar geliebt.
  1. Mut-zur-Freiheit-Prinzip. Die Entwicklung des Luftschiffes war ein langer, zäher Prozess. Sich selbst und den Ingenieuren die Freiheit einzuräumen, eine Vision zu entwickeln, dabei auch Fehler machen zu dürfen, war ein großer Schritt. Heute ist es entscheidend, den Kenntnissen und Fähigkeiten von Mitarbeitern zu vertrauen, um sie für die Entwicklung neuer Ideen zu motivieren und ihnen den Raum für Fehler zu geben.
  1. Kaizen-Prinzip. Wie jedes andere Produkt kam der Zeppelin nicht als reifes Serienmodell zur Welt, sondern musste beständig weiterentwickelt und verbessert werden. „Fortschritt entsteht durch die beherzte Umsetzung eines imperfekten Planes und nicht durch die Perfektionierung eines Planes zur beherzten Umsetzung.“ (Gassmann/Friesike)
  1. Walkman-Prinzip. Es heißt, gute Produkte brauchen prägnante, leicht zu merkende Namen. Intuitiv machte Graf Zeppelin Alles richtig, als er dem Luftschiff und dem Unternehmen den eigenen Familiennamen gab - übrigens lange vor Würth, Merck, Rossmann und anderen Familienunternehmen.
  1. Windschatten-Prinzip. Die erste Idee ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Oft richtet sie sich an „Early Adopters“, nur Techniker können etwas damit anfangen. Oder das Produkt ist zu teuer und zu kompliziert. Meist zeigen die Pioniere, wie etwas nicht geht. Erst ihre Nachfolger bringen ein Produkt erfolgreich zur Serienreife. Aufbauend auf den Erfahrungen von Ballonfahrern und dem Patent des Luftschiff-Pioniers David Schwarz, brachte Graf Zeppelin das Starr-Luftschiff zum Fahren.
  1. Boutique-Prinzip. In die Gefahr, zu schnell zu diversifizieren und in raschem Tempo etliche mittelmäßige Zeppeline zu fabrizieren, kam der Graf erst gar nicht. Sein Glück! Vielmehr konzentrierte er sich auf eine eingeschränkte Produktpalette, die er weiter entwickelte.
  1. Zweisprachigkeits-Prinzip. Offenbar war Graf Zeppelin ein guter Übersetzer. In allen Unternehmen der Welt werden zwei verschiedene Sprachen gesprochen: die Sprache des Geldes (Geldgeber, Controller etc.) und die Sprache der Dinge (Ingenieure, Handwerker, Kreative usw.). Der Graf scheint es verstanden zu haben, seine Vision beiden „Welten“ zu vermitteln und damit Begeisterung auszulösen.

Innovation für die Zukunft des Zeppelin:

Mit den Möglichkeiten der Digitalisierung, können „alte“ Ideen wie der Zeppelin neu gedacht werden. Möglich, dass entscheidende Impulse für seine Weiterentwicklung aus Indien, China oder Lateinamerika kommen - andere Menschen, andere Kontexte, andere Ideen.

Mein Angebot für das Barcamp Bodensee „Digitalisierung - Innovation - Networking“ vom 12. bis 14. Juni ist, mit den folgenden Innovations-Prinzipien eine experimentelle Session zu machen:

Zukunftsprinzip. Im Unterschied zu früher, ist heute wichtig, „zu wissen, wer etwas weiß“ und wo gerade relevantes Wissen entsteht. Das kann ein Cluster sein, ein Enthusiast, ein Mobilitäts-Experte irgendwo auf der Welt, der beispielsweise das „alte“ Luftschiff-Prinzip aufgreift, verwandelt und in etwas Neues umsetzt. Dass der Denkplatz dem Werkplatz folgt und für die Transformation von Wissen sorgt, zeigt das Beispiel der Zeppelin Universität Friedrichshafen.

Cross-Industry-Prinzip. Interdisziplinäre Zusammenarbeit bringt neue Lösungen. Wenn Branchendenken systematisch überwunden wird, entstehen neue Möglichkeiten - beispielsweise durch Abstraktion, Analogie und Adaption. So lassen sich am Beispiel der Bionik optimierte Prozesse oder Strukturen entwickeln, die Natur wird zum Vorbild für die Technik. Ein Beispiel dafür sind die Kletten, die Vorbild für den Klettverschluss wurden.

Serendipity-Prinzip. Dahinter verbirgt sich die zufällige Beobachtung von etwas Nützlichem, nach dem man gar nicht gesucht hat. Diese Zufallstreffer zu erkennen und für sich zu nutzen, selbst wenn das Entwicklungsprojekt eine ganz andere Spur verfolgt und offen für andere Ergebnisse zu bleiben, ist wichtig. Die Abweichungen sind mögliche Chancen. Innovation ist häufig die Folge einer geschärften Wahrnehmung.

Ein populäres Beispiel dafür ist die Erfindung der Post-its von 3M. Sie beruht auf einem Klebstoff, der für den ursprünglich vorgesehenen Zweck nicht gut genug klebte. Die abreißbaren Notizblöcke wurden ein neues, sehr erfolgreiches Produkt von 3M.

Open Innovation-Prinzip. Wer mit Unternehmensfremden zusammenarbeitet, entdeckt seine Produkte und Dienstleistungen aus einem neuen Blickwinkel. Fremdes kreatives Potenzial mit dem eigenen zusammenzubringen, „organisiertes Querdenken“ zu ermöglichen, öffnet die Tür zu Kunden und Kooperationspartnern.

Crowd-Sourcing-Prinzip. Unternehmen gehen dazu über, ihre Produkte und Dienstleistungen von Freiwilligen begutachten und verbessern zu lassen. In den nächsten Jahren wird das immer üblicher werden. Menschen lieben es, Produkte und Dienstleistungen, die sie selbst nutzen, zu verbessern.

Quellen und Literatur:

Die biographischen Daten über Ferdinand Graf Zeppelin stammen alle aus der Wikipedia. Wer alle Erfolgs-Prinzipien komplett nachlesen möchte, findet sie in dem sehr lesenswerten Buch „33 Erfolgsprinzipien der Innovation“ von Oliver Gassmann & Sascha Friesike, erschienen im Carl Hanser Verlag München 2012. Gassmann ist seit 2002 Professor für Innovationsmanagement an der Universität St. Gallen, Friesike Wirtschaftsingenieur an der TU Berlin.

Petra-Alexandra Buhl

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