„Was erwarten Menschen, die in virtuellen Teams arbeiten wollen, von ihrem Arbeitgeber?“

IMG_2513Herzlichen Dank an die 25 Teilnehmer meiner Session beim BarcampCH am 15. und 16. August für`s Mitdenken, die spannenden Praxis-Beispiele und vielfältigen Anregungen. Hier das Session-Protokoll mit den gesammelten Antworten:

1. Spannende Aufgaben.

„Das Schlimmste wäre für mich, wenn ich immer nur irgendwelche tasks abarbeiten müsste. Ich brauche Abwechslung, wünsche mir persönliche und fachliche Weiterentwicklung, möchte ständig gefördert werden. Das können neue Kunden, neue Bereiche oder mehr Verantwortung sein. Aber ich möchte auf keinen Fall Stillstand erleben.“

„Es braucht einen Spielraum, in dem man sich entfalten kann.“

„Ich fände es wichtig, dass es Ziele für meine Entwicklung gibt und dass dann auch tatsächlich etwas passiert.“

„Das Unternehmen sollte auf diese Frage klar antworten können: Was machen wir warum?

2. Gutes Arbeitsklima, förderliche Unternehmenskultur.

„In einem virtuellen Team muss man sich zuerst zusammensetzen und darüber sprechen, wie man miteinander arbeiten will. Das ist ja ganz anders, weil der persönliche Kontakt fehlt. Man kann den anderen nicht anschauen oder erfühlen, wie es ihm gerade geht.“

„Es gibt eine ganze Reihe von Tools, die virtuelle Teams nutzen können. Sobald klar ist, wie zusammengearbeitet werden und was erreicht werden soll, findet man auch das passende Tool.“

„Gerade Jüngere werden mehr Co-Working wollen. Wenn es eine verlässliche Absprache über eine bestimmte Menge von Arbeitsstunden gibt plus mehr Freiheit - dann ist das perfekt.“

„Ich frage mich gerade, wie man bei einem virtuellen Team das Arbeitsklima messen kann?“

„Wenn die Leute sich das ganze Jahr nicht sehen, brauchen sie Ankerpunkte, um ihr Lebensgefühl teilen zu können. Teams wollen auch feiern. Wenn sie das nie gemeinsam machen können, sinkt die Motivation. Man muss die Leute kennen, mit denen man arbeitet - dann geht Alles leichter.“

Besonders erstaunlich war in dieser Runde, dass niemand eine Antwort auf die Frage hatte, wie man das Arbeitsklima in virtuellen Teams messen kann. Wer hier einen guten Vorschlag hat, möge sich bitte bei mir melden 😉

3. Ein professionelles Onboarding und gute Kommunikation.

„Teams gestalten das selbst, darauf muss man aber Wert legen.“

„Der neue Mitarbeiter muss wichtig sein und aktiv integriert werden.“

„Eine unterstützende Kultur muss den Neuen auffangen.“

„Ein Welcome Day ist toll, da wird man ins Unternehmen eingeführt. Ein persönlicher Ansprechpartner für die ersten Monate ist gut - zum Beispiel ein Onboarding-Buddy, der einen begleitet und alle Fragen beantwortet.“

„Alle müssen erfahren, worin der neue Mitarbeiter kompetent ist und dass man sich bei bestimmten Fragen an ihn wenden kann.“

„Gut ist, wenn es jemanden gibt, der zuhört und nachfragt und zwar auf persönlicher Ebene. Dann kann man viel klären und macht manche Fehler erst gar nicht.“

„Ein Skype-Chat als Willkommens-Chat mit allen wäre ja eine Möglichkeit oder ein virtuelles Kaffeetrinken, bei dem man sich kennenlernen kann. Auch ein Google-Hangout geht.“

„Information ist wichtig. Man muss den Leuten ganz klar sagen, wie sie loslegen sollen.“

„Nach der ersten Woche muss es schon ein Gespräch geben, am besten mit demjenigen, der für einen zuständig ist. Ein Fragenkatalog wäre gut, damit das nicht nur negativ wird. Man sollte auch so etwas fragen wie: Was hast du schon leisten können? Worauf bist du stolz?Dann kann man Probleme auch früh wahrnehmen und lösen. Wenn man beim Einstieg etwas Wichtiges verpasst, kommt man nicht mehr hinterher. Später traut man sich auch gar nicht mehr, nachzufragen.“

Dies war der am meisten diskutierte Punkt in der Session, der viele persönliche Erfahrungen zu Tage förderte. Beim Onboarding geht offenbar besonders viel schief.

barcamp_horizontal-05_schmal4. Zugehörigkeit zum Unternehmen.

„Schön ist, wenn man das Gefühl hat, wirklich beteiligt zu sein.“

„Wir sind das Team, wir sind eine Familie, das ist wichtig.“

„Ich werde geschätzt.“

„Eine fachspezifische Konferenz pro Jahr könnte dafür sorgen, dass die Leute untereinander in Verbindung bleiben und sich zugehörig fühlen. Das kann so etwas sein wie die re:publica. Wenn klar ist, dass dort sowieso alle hingehen, kann man sich davor oder danach ja als Team treffen oder man macht etwas Eigenes. Regelmäßig muss das sein, ein Ritual werden. Rituale finde ich überhaupt wichtig.“

„Ich kenne das und finde es schwierig: Wir sind vier Freelancer, lauter Einzelkämpfer, die ein Team werden sollen. Ab wann kann man überhaupt von einem virtuellen Team sprechen? Ich denke, es muss definierte Treffpunkte oder Projektbesuche zum Erfahrungsaustausch geben.“

„Es ist wichtig, dass man die Prinzipien, nach denen das Unternehmen wirtschaftet, versteht. Für welche Werte, Regeln und Visionen steht es? Wenn das keiner versteht, werden die Regeln auch nicht akzeptiert.“

5. Flexibilität ist wichtiger als Entlohnung und Benefits.

„Die Anreize dürfen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern müssen auch wirklich umgesetzt werden. Und sie müssen stimmen: Seit in jedem Startup ein Tischkicker steht, lockt man damit in einer Stellenanzeige natürlich keinen mehr hinter dem Ofen vor.“

„Kleinere Unternehmen können deutlich agiler auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehen. Bevor man versucht, die großen Konzerne und deren Benefits zu übertrumpfen, lohnt es sich, den Mitarbeiter einfach zu fragen: Was brauchst Du? - anstatt aufzuzählen, was man bietet.“

„Die Entlohnung darf auf jeden Fall nicht an Präsenz gekoppelt werden, sonst führt sich das ja selbst ad absurdum. Die Spielregeln muss man aushandeln, damit es nicht um Stunden zählen und Misstrauen geht. Ein Home-Office funktioniert nun mal ganz anders.“

„Für mich wäre es bestimmt ein incentive, mal irgendwo zwei Wochen lang in einem Co-Working-Space arbeiten zu dürfen, das fände ich toll.“

Interessanterweise hat das Thema Geld in der Diskussion kaum eine Rolle gespielt. Viel wichtiger - gemessen an der Zahl und Dauer der Redebeiträge - waren alle übrigen Punkte.

6. Mindset im Unternehmen muss passen.

„Es braucht Vertrauen in die Mitarbeiter, damit sich das Team selbst organisieren kann. Das Social Setting muss stimmen, dann geht Alles.“

„Ich möchte spüren, dass der Arbeitgeber mir vertraut. Das heißt, ich möchte flexible Arbeitszeiten und die Freiheit, meine Arbeit dann zu machen, wann es bei mir am Besten geht.“

„Für mich ist Respekt ganz wichtig. Ich habe schon in Unternehmen gearbeitet, in denen ich runtergemacht und sogar angebrüllt wurde - das will ich definitiv nie wieder erleben.“

„Von einem Unternehmen möchte ich schon wissen, was es besonders macht, auch was die Produkte oder Dienstleistungen auszeichnet.“

7. Gütesiegel für Unternehmen wird beachtet.

„Ich würde darauf achten, dass das Unternehmen ein Gütesiegel hat, wie zum Beispiel Fair Company oder Great Place to Work. Natürlich weiß ich, dass diese Siegel auch erkauft werden. Aber es ist immerhin eine Hürde für die Unternehmen, die sich dafür bewerben, sie müssen etwas dafür tun und sich hinterfragen.“

„Ich schaue auf Plattformen wie kununu und informiere mich über Unternehmen. Wenn sie schlechte Bewertungen haben, will ich dort auch nicht arbeiten. Wenn sie dort keine Präsenz haben, macht mich das auch stutzig.“

In der Diskussion gab es schnell eine Übereinstimmung dazu, dass die Gütesiegel für Arbeitgeber nicht „sicher“ genug sind, um eine Entscheidung daraus abzuleiten. Den Vorzug gaben die meisten Session-Teilnehmer dann ihrem Bauchgefühl: „Die Chemie muss stimmen. Wenn es im ersten Gespräch schon hapert, braucht man gar nicht erst anzutreten. Daran ändert auch Geld nichts. Was nützt es, wenn die Bezahlung stimmt, aber die Aufgabe und das Arbeitsklima nicht?“

Petra-Alexandra Buhl

Ich freue mich über eine rege Debatte dazu hier im Blog.

Was brauchen Sie von einem Arbeitgeber?

Wie viel Sicherheit und wie viel Freiheit bräuchten Sie, um den Wechsel in ein virtuelles Team zu wagen?

Welche Erfahrungen haben Sie mit virtuellen Teams gemacht?

 

2 Gedanken zu „„Was erwarten Menschen, die in virtuellen Teams arbeiten wollen, von ihrem Arbeitgeber?“

  1. Ich arbeite schon längere Zeit in virtuellen Teams. Meine Erfahrungen dazu sind sehr gut und ich könnte nicht mehr ohne meine virtuelle Welt meine Arbeiten erledigen. Einen grossen Vorteil in meinen virtuellen Teams sind die Selbständigkeit und Verantwortlichkeiten jedes einzelnen. Entscheidungen werden in kürzester Zeit getroffen und die Effizienz ist extrem hoch. Leider können nicht alle Arbeitnehmer damit umgehen und man kann sie nicht dazu zwingen. Hat man aber einmal die Welt der virtuellen Teams für sich entdeckt, dann will man diese nicht mehr hergeben.

    1. Danke für Deinen Kommentar, Gregor. Mir geht es genauso: Seit fast acht Jahren bin ich selbstständig und arbeite in wechselnden Teams – vorwiegend virtuell. Ich genieße diese Flexibilität, Freiheit und Selbstverantwortung. Besonders gerne arbeite ich mit inhabergeführten, agilen Unternehmen zusammen, weil dort genau das passiert, was Du beschreibst: Entscheidungen fallen umgehend und werden nicht zerredet. Es gibt kaum unproduktive Strukturen und “Verwaltungsabteilungen”, die sich wie ein Wasserkopf über den wertschöpfenden Mitarbeitern aufblähen, Prozesse verzögern. Es wird immer Menschen geben, die Präsenz und Hierarchie wollen, mit der Freiheit und Selbstverantwortung in virtuellen Teams nicht umgehen können. Aber ich glaube, dass sie in ein paar Jahren eher zur Minderheit der Arbeitnehmer gehören werden.

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