Blog-Kritik 02: Thomas Michl sieht Agilität und Resilienz als Schlüssel-Kompetenzen für die Zukunft

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Thomas Michl ist ein echter „Lerner“: Wenn er ein Lied im Radio hört, kann es vorkommen, dass er ausgehend von ein paar Takten Musik zunächst in der irischen Geschichte landet und von dort eine ausgedehnte Schleife durch den amerikanischen Bürgerkrieg zieht, um sich schließlich bei Karl Popper festzulesen und über Erinnerungskulturen zu reflektieren. „Ich bin immer neugierig gewesen und war schon in der Schule ein wandelndes Geschichts-Lexikon“, sagt er und lacht. Irgendeine Information ist der Auslöser. Von dort geht es in konzentrischen Kreisen weiter von Thema zu Thema. So „ticken“ Wissensarbeiter.

Für Menschen wie Thomas Michl ist das Internet wie eine Offenbarung: Überall kann er seinem Wissensdurst sofort nachgeben und recherchieren, was ihn interessiert. Das ist viel: Im Moment sind es vor allem die Themen Irland und Whiskey, Agilität und Produktivität, Kultur und Verwaltung, Geschichte und Soziologie - und Alles, was sonst noch so im normalen Leben gerade „anfällt“. Thomas Michl arbeitet im Großraum Stuttgart in der öffentlichen Verwaltung und befasst sich hauptsächlich mit kommunaler Kultur und bürgerschaftlichem Engagement.

Thomas, was ist für Dich ein gelingendes Leben?

Ich stelle mir vor, dass ich meinen Lebensabend im Schaukelstuhl verbringe. Rückblickend will ich dann sagen können, ich habe unheimlich viel Neues entdeckt und immer wieder dazu gelernt. Ich habe Ideen entwickelt, Projekte umgesetzt und viele interessante Menschen kennengelernt, die mich weiter gebracht haben. Letztlich will ich sagen können, ich war dabei und hatte Spaß. Außerdem war ich auch in der Lage, Meinungen zu revidieren und mich an Veränderungen anzupassen.

Kannst Du dafür ein Beispiel geben?

Ich habe vor 10 Jahren meinen MBA (Master of Business Administration, Anm. d. Verf.) gemacht und war damals der Meinung, dass die klassischen Projektmanagement-Methoden tatsächlich funktionieren. Heute sage ich das nicht mehr. Ich bin vom Projektmanagement zu Scrum und von dort zu Agile gekommen. Ich bin begeistert von diesen Ideen und den Denkweisen, die sich dahinter befinden: Die umfassende Partizipation der Mitarbeiter und die Unternehmensdemokratie. Deshalb habe ich im Februar 2016 mit ein paar Gleichgesinnten das „Forum agile Verwaltung“ gegründet. Wir wollen agile Ideen und Methoden in die Verwaltungen transportieren.

Was genau gefällt Dir an Agilität?

Auch hier ist es das permanente Lernen und die Weiterentwicklung, der hierarchiefreie Raum. Titel sind nur Schall und Rauch, Hierarchien nicht entscheidend. Menschen und Gespräche, soziale Beziehungen sind entscheidend.

Jemand, der wie Du viele Themen gleichzeitig faszinierend findet, muss Grenzen ziehen können, um sich nicht selbst zu überfordern. Wie schaffst Du das? Ist das Dein Antrieb, Dich mit Produktivität zu beschäftigen?

Der Berg an ungelesenen Büchern wird auch bei mir permanent größer - einfach, weil mich so vieles interessiert. Aber ich kann gut abschalten. Ich werde einfach irgendwann so müde, dass ich einschlafe. Oder mein kleiner Sohn und meine Frau bremsen mich. Natürlich habe ich auch massig offene Baustellen, aber ich setze Prioritäten und entspanne mich dann wieder.

Mit irischer Musik oder ab und zu einem Glas Whiskey...

Ja, ich nenne das meine „Irland-Macke“, die bleibt natürlich keinem verborgen, der mir in den sozialen Medien folgt. Dafür gibt es keinen biographischen Hintergrund, ich hatte nie Verwandte dort und bin noch nicht so oft in Irland gewesen. Ich mag aber die Musik und die Pubs sehr. Mich faszinieren die Iren, ihre Geschichte und ihre Kultur. Sie sind ganz anders als wir Deutschen mit unserer extremen Pingeligkeit und Genauigkeit. Bei uns gibt´s gar keinen Mittelweg, es ist immer alles ganz geradlinig.

Diese Geradlinigkeit hat dazu geführt, dass wir in Deutschland sehr an Hierarchien hängen. Du bist auch jemand, der diese für überholt hält. Warum?

In unserer beschleunigten Welt funktionieren sie ganz einfach nicht mehr, das sieht man überall. Die bisherigen starren Strukturen können an die neuen Herausforderungen nicht angepasst werden. Ständige Veränderungen brauchen deshalb Agilität und übrigens auch Resilienz. Ich muss gestehen, dass ich mich mit dem Thema Resilienz gar nicht so beschäftigt hatte, bevor ich Dein Blog gelesen habe. Das ist aber ganz sicher etwas, das Leute als Möglichkeit brauchen, um Stabilität in ihr Leben und in ihre Arbeit zu bekommen, damit sie nicht verzweifeln. Im Moment ist es ja so, dass die Leute reihenweise an die Wand fahren. Wer vom Charakter oder der Persönlichkeit her Schwierigkeiten mit Veränderungen hat, kommt mit dem Tempo und der Anzahl der Veränderungen nicht mehr klar, die von ihm gefordert werden. Resilienz finde ich deshalb spannend. Aber ich fürchte, dass sie genauso wie Agilität in Gefahr ist, ein Mode-Schlagwort zu werden. Heute ist alles agil - aber es reicht halt nicht, sich zu duzen und die Krawatten wegzulassen. Viele glauben ja, es reicht, sich da ein paar Methoden anzueignen und dann ist man agil. Sie vergessen, dass dahinter ein wichtiger kultureller Wandel steht, der sich auf alle Bereiche auswirkt.

Was wäre für Dich die ideale Form von Agilität?

Das wären interdisziplinäre Teams, die auf Augenhöhe und ohne Hierarchie Hand in Hand zusammenarbeiten. Wichtig wäre, dass die Teams flexibel und eigenständig Entscheidungen treffen können. Das bedeutet nicht, dass plötzlich die Anarchie ausbricht: Das „Was“ wird immer noch oben entschieden und als Strategie vorgegeben werden. Aber das „Wie“, die Umsetzung der Ziele, werden die Mitarbeiter selbst entscheiden.

Es gibt einige Beispiele von gut gehenden Unternehmen, die zeigen, dass das funktioniert. Trotzdem sind viele Chefs vor allem von KMU skeptisch. Sie glauben, es werde nicht funktionieren, wenn sie ihren Mitarbeitern mehr Freiraum geben und Selbstorganisation ermöglichen. Wie würdest Du diese Chefs überzeugen, damit sie mehr Agilität zulassen?

Ich würde sie einfach fragen, welche Vorstellungen von Arbeit sie selbst haben, ob sie lieber mit Spaß zur Arbeit gehen oder ob sie Arbeit als Quälerei aushalten und sich in einer Hierarchie Alles vorsetzen lassen möchten. Jeder Chef, den ich kenne, würde darauf mit Nein antworten. Und ich würde sagen: Sehen Sie, genau das haben Sie aber in Ihrem Haus. Ihre Leute werden dauernd ausgebremst und dürfen gar nichts selbst entscheiden. Wie sollen Ihre Mitarbeiter da ihr Können entfalten?

Thomas, Du hast im Februar intensiv mein Blog gelesen. Was ist Dir dabei aufgefallen?

Die Texte sind recht knackig formuliert. Sie sind klar geschrieben und gut aufgebaut. Manchmal sind sie mir ein bisschen zu lang.

Ja, das stimmt. Es fällt mir schwer, mich kürzer zu fassen.

Vielleicht ist es bei Dir auch so wie bei manchen Künstlern, die nur auf einer großen Leinwand malen können. Ich finde das nicht schlimm, dann ist das halt so und du kannst nicht mit kleinen Leinwänden. Ich finde die Texte trotz der Länge nicht langweilig und zwischendurch gibt´s immer kurze Zusammenfassungen oder Anstriche in den Texten, das lockert auf. Die Texte sind sprachlich immer ausgewogen - nicht zu flach und nicht zu abgehoben. Ich finde, man muss so schreiben, dass es jeder lesen kann.

Gibt es etwas, was Dir nicht gefällt?

Hin und wieder habe ich eine Formulierung gefunden, die in etwa so lautet: „Man muss das und das tun, dann funktioniert es.“ Da gibt´s bei mir und vielleicht bei manchem anderen einen Beiß-Reflex so nach dem Motto „die will mir jetzt zeigen, wie ich meine Arbeit machen soll“. Aber nur minimal, ich find´s nicht schlimm.

Gibt es Themen, die Du gerne lesen würdest?

Ein gut gemachter Blog spricht aus Überzeugung, da lasse ich mich einfach immer wieder gerne überraschen. Mich inspiriert, wenn jemand über das schreibt, was ihn persönlich gerade interessiert, da merkt man einfach die Begeisterung und die Lust auf bestimmte Themen.

Wie bist Du eigentlich zum Bloggen gekommen und seit wann bloggst Du?

Daran ist Marcus Raitner beteiligt gewesen. Ich habe ihn auf dem PM Camp in Dornbirn vor ein paar Jahren kennengelernt und er hat mich dazu gebracht, selbst mit einem eigenen Blog anzufangen. Es heißt ja, „Wer schreibt, der bleibt“. Meine ersten Gehversuche mit eigenem Blog hatte ich 2012 - also vor gut vier Jahren.

Vielen Dank für Deine Blog-Kritik und für das interessante Gespräche, Thomas.

Thomas Michls Blog dreht sich rund um Produktivität, Agile, Lean Management, Irland und diverse Gedanken und Beobachtungen im Alltag.

https://tomsgedankenblog.wordpress.com/

Informationen zum „Forum agile Verwaltung“ gibt es hier:

http://agile-verwaltung.org/

Zum Vormerken: Im Februar 2017 will das „Forum agile Verwaltung“ in Frankfurt/Main einen Kongress für agile Verwaltung veranstalten.

Petra-Alexandra Buhl

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2016 gibt es jeden Monat eine Blog-Kritik auf meinem Blog. Was das ist? Ich habe viele Jahre als Journalistin für Tageszeitungen gearbeitet. Dort gibt es jeden Mittag eine Blatt-Kritik, in der die aktuelle Ausgabe besprochen wird. Dasselbe stelle ich mir für mein Blog vor: Für jeden Monat des Jahres habe ich mir eine interessante Person für die Blog-Kritik ausgesucht. Am Ende des Monats machen wir ein Interview. Zum einen stelle ich die Person und ihre Arbeit vor, zum anderen werten wir mein Blog aus.

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