Werte-Welten Arbeit 4.0 : Warum es künftig nicht die eine neue Arbeitswelt geben kann

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Wenn es um die Arbeit und die Wahrnehmung der Arbeitsbedingungen geht, ist Deutschland auch nach 25 Jahren Einheit deutlich gespalten: Im Westen Deutschlands geht es mehrheitlich darum, „frei von Druck und Sorgen arbeiten zu können.“ Im Osten steht „Geschwindigkeit und Effizienz erhöhen“ auf Platz 1. Im Südosten geht es demnach darum, sich „auf den wirtschaftlichen Erfolg zu konzentrieren und erarbeitete Privilegien zu genießen“.

Das sind nur drei von vielen Befunden der heute in Berlin vorgestellten Studie „Wertewelten Arbeiten 4.0“. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat sie bei der Bremer Nextpractice GmbH  in Auftrag gegeben. Nextpractice wurde vom 2015 leider viel zu früh verstorbenen Prof. Peter Kruse gegründet.

Für die Studie wurden 1 200 Personen befragt, darunter 1 000 Menschen mit Arbeit. Zwei Kontrollgruppen mit jeweils 100 Personen nahmen ebenfalls an der Studie teil. Ziel war, repräsentativ zu erheben, wie die Befragten die heutige Arbeitswelt erleben und welche sie sich in der Zukunft wünschen.

Ich fasse hier die für mich spannendsten Ergebnisse der 53 Seiten-Studie zusammen. Am Ende des Textes finden Sie den Link, unter dem Sie sich die komplette Studie herunterladen können. Viel Spaß beim Lesen! 😉

Übergreifend formulieren die Befragten Arbeitnehmer aus Deutschland folgende Sorgen:

  • Das „Risiko, selbst auf der Strecke zu bleiben“
  • ständig dem Druck der Märkte ausgeliefert zu sein
  • diesem Druck nicht mehr gewachsen zu sein
  • die weitere Spaltung der Gesellschaft

Als deutliche Spannungsfelder hat nextpractice Folgendes erforscht:

  • Die Idealbilder von Arbeit der Einen sind zugleich bedrohliche Szenarien für die Anderen
  • Die Wahrnehmung der gegenwärtigen Arbeit in Deutschland unterscheidet sich deutlich vom Idealbild der Arbeit. Das sehen die Befragten für sich nur zu 49% erfüllt.
  • Der Blick auf die Arbeitswelt insgesamt ist pessimistischer als auf den eigenen Arbeitsplatz und dessen Bedingungen.
  • Die rückblickend betrachtete Entwicklung der Arbeitswelt von 1950/1960 bis in die 199er Jahre wird recht positiv wahrgenommen. Der Großteil der Befragten hat das - vermutlich eher verklärte - Bild, es habe früher die Möglichkeit gegeben, „frei von Druck und Sorgen leben zu können“.

Die heutige Arbeitswelt wird als davon weit entfernt eingeschätzt. Ebenso äußern die Befragten, dass sich die Lebensqualität in Deutschland zunehmend verschlechtere. Die eigene Situation wird vorwiegend ambivalent wahrgenommen und von „Druck, Risiko und Spaltung der Gesellschaft bestimmt“ gesehen. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wird nur verhalten positiv ausgesprochen. Dennoch gehen die Befragten davon aus, dass sich ihre Arbeitssituation bis 2030 bessern und ihrem Idealbild annähern wird.

Zu den Erwartungen an Arbeit 2030 gehören:

  • weitreichende Eigenverantwortung zu leben
  • das eigene Berufsbild kreativ gestalten zu können
  • Partizipation auf der Basis mündiger Menschen zu erleben
  • Ideale in der Arbeitswelt zu verwirklichen.

Und nun wird´s spannend: Alle Befragten ordnen sich Werte-Welten zu, die hier nur knapp skizziert werden. Nextpractice hat sieben Werte-Welten identifiziert, die jeweils klar unterscheidbar sind und bestimmte, zusammenhängende und beschreibbare Sichtweisen auf das Thema Arbeit beinhalten.

Wenn man die dazugehörigen Einstellungen und Haltungen anschaut, stehen sich diese Werte-Welten zum Teil sogar diametral gegenüber. Das zeigt auch, dass es nicht eine neue Arbeitswelt für alle geben kann, sondern dass es in den nächsten Jahrzehnten eine Vielzahl von hybriden Formen gibt.

In Klammern finden Sie die jeweilige Prozent-Zahl an Befragten, die sich hier zuordnen.

Werte-Welt 1: Sorgenfrei von der Arbeit leben können (ca. 30%)

Kritisiert wird von den Befragten hier der zunehmende Konkurrenzdruck. Die Menschen haben das Gefühl, immer mehr arbeiten zu müssen und trotzdem nur in eine höchst unsichere Zukunft zu blicken. Zudem formulieren sie die Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche und fürchten generell eine oberflächliche Gesellschaft. Finanzielle Sicherheit, Fürsorge und Arbeit ohne Druck gebe es nicht mehr. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist hier eher gering.

Werte-Welt 2: In einer starken Solidargemeinschaft arbeiten (9%)

Wer sich in dieser Werte-Welt verortet, neigt offenbar zu etwas drastischen Aussagen: „Leistungsträger werden systematisch frustriert“, „distanzierte Anonymität: Jeder ist sofort ersetzbar“, „eine egoistische und oberflächliche Gesellschaft“ und „Auflösung regulärer Jobs in prekäre Verhältnisse“. In der Arbeitswelt von heute finden das 80 Prozent der Befragten und sie äußern sich pessimistisch, was die Zukunft betrifft. Sie glauben nicht, dass sich hier wesentlich etwas verändern wird. 

Werte-Welt 3: Den Wohlstand erarbeiten (15%)

Wer dieses Idealbild von Arbeit pflegt, unterschreibt folgende Aussagen:  „Natürlich ist die Arbeit schwerer geworden und macht nicht immer Spaß. Aber ich glaube noch immer, dass jeder, der sich wirklich anstrengt, es hier zu etwas bringen kann. Und wenn man es geschafft hat, darf man sich ruhig etwas Luxus gönnen. Die Sozialpartner müssen gemeinsam dafür sorgen, dass Deutschland weiterhin die Wirtschaftsmacht in Europa bleibt und Leistungsträger hier eine Heimat behalten.“

Diese Personen stimmen folgenden Aussagen zu: „Man kann mit Fleiß und Anstrengung weiterkommen“, „Interessenvertretungen sichern ihre Mitglieder ab“, „entschlossen für seine eigenen Ziele eintreten“, „sich Wohlstand und Lebensqualität verdienen“ und „höhere Arbeitseffizienz durch die Digitalisierung“ weitgehend realisiert.

Werte-Welt 4: Engagiert Höchstleistung erzielen (11%)

Man könnte sagen, dass sich hier die „Optimisten“ treffen. Sie beurteilen die Entwicklungen in der Vergangenheit besonders positiv. Es herrscht ein gewisser Stolz darauf, dass heute mit höherer Produktivität gearbeitet wird und tradierte Werte aufgegeben wurden. Die Befragten fühlen sich also in der heutigen Arbeitswelt gut aufgehoben und sehen kaum Bedarf für weitere Korrekturen. Der Erhalt der eigenen Gesundheit wird am ehesten als wichtig für die Zukunft angesehen. Zwar sehen die Befragten aus dieser Gruppe, das es am Arbeitsmarkt eine zunehmende Spaltung gibt. Sie scheint ihnen aber wenig auszumachen.

Werte-Welt 5: Sich in der Arbeit verwirklichen (10%)

Die Befragten, die sich hier zuordnen, begrüßen, dass die Vorschriften und Regularien in Unternehmen und Institutionen abgenommen haben.  Sie kritisieren lediglich, dass Arbeitszeit und -ort immer noch wenig flexibel sind und erhoffen sich hier eine Veränderung in der Zukunft. Mitglieder dieser Wert-Welt glauben, dass noch bestehende Problem in der Arbeitswelt der Zukunft abgeschafft sind. Sie zweifeln nicht daran, dass die gegenwärtige Umbruch-Phase zu einer Verbesserung führt, die mehr individuelle Gestaltungsmöglichkeiten zulassen wird. Absicherung und Anerkennnung durch andere ist hier nicht so wichtig wie berufliche Entfaltung.

Werte-Welt 6: Balance zwischen Arbeit und Leben finden (14%)

In dieser Gruppe sammeln sich offenbar die freiheitsliebenden Individualisten. Zu fast 100 % wollen sie „über Arbeitszeiten und Orte individuell verfügen“ und ihr „eigenes Tätigkeitsprofil kreativ gestalten“. Ablehnung finden hier bürokratische Unternehmenskulturen und starre Vorgaben in Bezug auf Arbeitszeit und -ort. Allenfalls für die materielle Sicherheit machen 48% der hier Zugehörigen Kompromisse. Sie sehen sowohl die frühere als auch die heutige Arbeitswelt generell sehr kritisch. Ihre ideale Arbeitswelt hat mit den bisherigen Verhältnissen gar nichts mehr zu tun. Sie sind aber enorm zukunftsoptimistisch und gehen davon aus, dass sie künftig Alles ändern können, was sie stört. Eine große Gefahr sehe ich hier allerdings: Was, wenn ihre Utopien unerfüllbar sind?

Werte-Welt 7: Sinn ausserhalb seiner Arbeit suchen (13%)

Die Sinnsucher leben nicht für die Arbeit. Infolgedessen stimmen sie auch folgenden Aussagen besonders häufig zu: „Ich glaube nicht, dass man den Sinn des Lebens nur in der Erwerbsarbeit suchen sollte. Alle Tätigkeiten sind gleich wertvoll, solange sie einen Beitrag zum Wohlergehen aller leisten. Menschlichkeit kann sich auch in kleinen und sehr persönlichen Dingen zeigen. Deshalb sollte der Staat allen ein lebenswertes Auskommen garantieren, unabhängig davon was sie nach der Marktlogik verdienen.“

Zufriedenheit und Harmonie sind ihnen deutlich wichtiger als Karriere. Sinn kommt hier vor Leistung und lange vor materieller Absicherung.

Schon ein kurzer Blick auf diese Werte-Welten zeigt, wie unterschiedlich die Arbeitswelt in Deutschland wahrgenommen wird. Spannend ist, dass all diese Werte-Welten zurzeit parallel existieren. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb so viele Führungskräfte klagen, sie wüssten gar nicht mehr, was ihre Mitarbeiter eigentlich wollen. Sie zu fragen, in welcher Werte-Welt sie sich wohl verorten, könnte hilfreich sein, um die Arbeitswelt von morgen zu gestalten.

Hier geht´s zum Download der Studie:

http://www.arbeitenviernull.de/mitmachen/wertewelten/studie-wertewelten.html

Petra-Alexandra Buhl

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