Hoffnung als Impuls für Handlung: Wer ins Gelingen verliebt ist, wird mutiger und wagt etwas

Tod und Auferstehung von Jesus gedenken Christen zu Ostern. Ein guter Zeitpunkt, um über Hoffnung zu sprechen. Die Journalistin Kathrin Klette hat jetzt im März ein Buch darüber herausgebracht: „Hoffen - eine Anleitung zur Zuversicht“. Sie bezeichnet darin „Hoffnung als Element der Resilienz“. In diesem Interview sagt sie, wie Hoffnung entsteht, warum wir sie brauchen und wie sie unser Handeln bestimmt.

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Frau Klette, warum lohnt sich das Hoffen?

Es ist eine sehr unsichere Zeit, in der wir leben. Die Terroranschläge in Brüssel zeigen uns das wieder: Es kann immer und überall passieren - vollkommen willkürlich werden Menschen zu Opfern, ohne Ankündigung. Wir werden heute mit neuen Unsicherheiten konfrontiert und müssen damit umgehen - nicht nur weltpolitisch, auch in Beziehungen und am Arbeitsplatz. Wir fragen uns: Wie kann ich stark und zuversichtlich bleiben? Was trägt mich? Wie kann ich mit einem guten Gefühl in die Zukunft gehen? Es ist die Hoffnung, dass etwas gut werden wird und dass der Einzelne selbst etwas dazu beitragen, sein Leben steuern kann.

Viele Menschen erlebe ich resigniert, manche verzweifeln sogar an der gegenwärtigen Lage. Kann man Hoffnung lernen?

Auf jeden Fall kann man überlegen, was einen selbst trägt und was man selbst tun kann, um hoffnungsvoller zu werden. Es sind aber vor allem die Beziehungen zu anderen Menschen, die Hoffnung entstehen lassen. Niemand lebt ja wirklich komplett autonom. Wir alle sind auf unsere Mitmenschen angewiesen, damit sich unsere Hoffnungen, etwa auf Liebe oder eine neue Stelle, erfüllen. Wenn man also seine Beziehungen pflegt, offen für andere ist und sich gerne austauscht, ist man schon einmal auf einem guten Weg. Es ist zwar grundsätzlich gut, hoffnungsvoll zu sein. Doch man muss auch hinterfragen, wohin einen die Hoffnung bringt und ob die gegenwärtige Situation überhaupt die ist, die man sich ursprünglich gewünscht hat. Die Frage, ob es noch gut ist, sich an einer Hoffnung festzuhalten, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber Hoffnung ist ein Kissen, das trägt und ein gutes Gefühl gibt. Zugleich treibt uns Hoffnung an: Im Alltag ist Hoffnung oft der Beginn einer Handlung, am Anfang stehen Wünsche und Träume.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Menschen sich das gar nicht mehr zutrauen, vor allem im fortgeschritteneren Lebensalter. Nach vielen Enttäuschungen und Kränkungen scheint bei ihnen genau vor diesem Schritt eine hohe Schwelle zu liegen, über die sie nicht mehr steigen möchten. Haben Sie einen tröstlichen Tipp?

Es ist schwer, allgemeine Regeln für den Umgang mit Hoffnung zu finden, das haben mir auch meine Interviewpartner bestätigt. Letztlich muss sich jeder selbst fragen, ob er die Hoffnung zulässt und ab wann er sie aufgibt. Ich habe mit einer Frau gesprochen, die gerade angesichts ihrer Krebserkrankung voller Hoffnung war, noch viel Zeit mit ihrem Mann zu verbringen, und so ihr Leben geändert hat. Die Hoffnung kann immer da sein und bis zum Tod bleiben, sie richtet sich dann nur auf andere Dinge. Es geht dann eher darum, eine schöne letzte Zeit zu haben oder möglichst lange ohne Schmerzen zu sein. Das ist individuell sehr verschieden.

Sie haben für Ihr Buch viele Interviews geführt. Sie haben zum Beispiel auch mit Psychotherapeuten, einem Mönch und einer Schauspielerin gesprochen. Haben Sie einen Punkt identifiziert, an dem es gut ist, die Hoffnung aufzugeben und sich stattdessen in Akzeptanz zu üben?

Wenn es um Akzeptanz geht, kann die auch wieder nur individuell erreicht werden. Falsche Hoffnung gibt es im eigentlichen Sinne nicht, denn ob sich eine Hoffnung als falsch herausstellen wird, weiß man ja erst später. Deswegen kann es unter Umständen auch gut sein, einer falschen Hoffnung anzuhängen, wenn sie das Lebensgefühl verbessert. Ich glaube aber, man muss flexibel und offen bleiben, auch für das, was im Umfeld passiert, also auch für das Unverhoffte.

Warum haben Sie gerade jetzt ein Buch zum Thema Hoffnung geschrieben? Gab es einen Auslöser dafür?

Es war eine bewusste Entscheidung für das Thema. Viele Menschen leben mit diesem Gefühl der Unsicherheit und des Kontrollverlustes. Viele fürchten, dass sie keinen Einfluss mehr auf das haben, was sich ereignet. Natürlich kann man viele äußere Umstände nicht ändern. Aber jeder und jede von uns hat viel mehr Einfluss auf das eigene Leben, als man denkt.

Hat sich in Ihrem Leben durch das Schreiben über die Hoffnung etwas geändert?

Ich habe beim Schreiben die Hoffnung selbst erlebt. Am Anfang die erste Idee, dann kamen die Recherche und die Lektüre. Es ist ein sehr reichhaltiges, vielfältiges Thema und ich habe gemerkt, wie sehr es mich in den Bann zieht. Ich habe mich zu Beginn aber auch von der Stoffmenge überwältigt gefühlt und gedacht: Wie packst du das an? Ein Buch erscheint einem zunächst als ein riesiger Berg, der kaum zu bezwingen ist. Aber wenn man anfängt und das Buch langsam gedeiht, wird der Berg überwindbar, Schritt für Schritt.

Mir gefällt in Ihrem Buch besonders die Überschrift „Ins Gelingen, nicht ins Scheitern verliebt“. Wie kommt jemand dahin?

Das ist ein Zitat des Philosophen Ernst Bloch und damit ist gemeint, dass sich der Hoffende trotz mancher Hindernisse entschließt zu handeln, um seine Situation zu ändern – im Gegensatz zum Resignierten, der nichts macht. Wer die Hoffnung aufgibt, hat keine Zukunft. Wenn ich denke, das klappt nicht, dann klappt es auch nicht. Aber wenn man glaubt, dass etwas gelingen könnte, ändert sich die eigene Haltung und plötzlich sieht man viel mehr Möglichkeiten. Man setzt nun Dinge in Bewegung, die die Hoffnung unterstützen und die den eigenen Wunsch vielleicht auch tatsächlich wahr werden lassen.

Wer von Ihren Interview-Partnern ist am meisten „ins Gelingen verliebt“ gewesen?

Ich glaube Sara Schätzl, die mit 16 Jahren von zu Hause gezogen ist, um ihren großen Traum, Schauspielerin zu werden, zu verwirklichen. Sie hat wirklich Einiges in Bewegung gesetzt und fast nichts unversucht gelassen, um ihren Traum zu erreichen. Die ganz große Hoffnung hat sich für sie nicht erfüllt, aber sie hat es wenigstens versucht. Ich glaube, es ist besser, es lieber auf die harte Tour zu versuchen, als solche Träume gar nicht zu verfolgen und aufzugeben.

Es gibt viele Hoffnungen auf eine neue, veränderte Arbeitswelt, die Sie in Ihrem Buch auch beschreiben. Worum geht es da?

Grundsätzlich geht es bei der Arbeit darum, Wertschätzung zu erfahren. Jeder will gesehen werden, seine Persönlichkeit und seine Talente entfalten und etwas zur Gesellschaft beitragen. Dazu gehört auch, sich auszutauschen, Kontakte zu haben und nützlich zu sein. Anerkennung ist, glaube ich, eine universelle Hoffnung. Für viele ist Arbeit aber ein reiner Broterwerb, um sich über Wasser zu halten. Da kann man seine Hoffnung nicht unbedingt ausleben. Vielleicht darf man auch nicht zu viele Hoffnungen in die Arbeitswelt stecken, sie ist nur ein Teil des menschlichen Lebens und es muss auch noch anderes geben.

Sie haben über die „German Angst“ geschrieben. Warum scheinen wir Deutschen so wenig zur Hoffnung begabt zu sein?

Es gibt bestimmt optimistischere Völker als die Deutschen, das ist klar. In den USA sind die Menschen viel optimistischer, sie haben auch weniger Angst vor dem Scheitern als wir. Vielleicht liegt es daran, dass sie in ihrer Verfassung den „pursuit of Happiness“ verankert haben, das Streben nach Glück? Der Soziologe Heinz Bude beschreibt in seinem Buch „Gesellschaft der Angst“ sehr genau, welche Ängste die Deutschen derzeit haben. Die Angst, unterzugehen, an den Rand gedrängt zu werden oder verloren zu gehen. Deutsche gelten ja generell als ein Volk von Zauderern und Zögerern. Aber woran das liegt? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht.

Wird die "German Angst" besser, wenn wir alle Ihr Buch lesen?

Mein Buch ist kein Ratgeber. Es ist eher ein Kaleidoskop der Hoffnung, eine Einladung, das Hoffen zu erkunden und Schlüsse für sich selbst zu ziehen. Deshalb sind in dem Buch lauter Porträts von Menschen zu lesen, die zum Thema Hoffnung viel zu sagen haben. Es ist spannend, zu hören, wie andere mit ihrer Hoffnung umgegangen sind. Dann kann man für sich überlegen: Wann ist Hoffnung möglich? Wie? Und: Wann gebe ich auf?

Sie haben auch einen Flüchtling über seinen Aufbruch ins Ungewisse befragt. Können wir uns von der Hoffnung der Flüchtlinge motivieren lassen?

Unbedingt! Gerade Flüchtlinge sind ja allein von der Hoffnung getrieben, nämlich der auf ein besseres Leben. Das lässt sie viel ertragen: Einige gehen oft jahrelang durch die Wüste oder das Gebirge. Manche riskieren auch eine Fahrt über das Mittelmeer. Dabei wissen sie nicht, ob sich tatsächlich ihr Wunsch nach einem besseren Leben erfüllt, geschweige denn, ob sie ihre Flucht überhaupt überleben. Sie haben nur die Hoffnung.

Was würde die ideale Leserin oder der ideale Leser tun, nach dem das Buch „Hoffen - eine Anleitung zur Zuversicht“ zu Ende gelesen ist?

Hoffen ist für mich der Impuls für eine Handlung. Es geht nicht nur darum, schöne Gefühle zu haben, sondern dass sich etwas daraus entwickelt. Hoffnungsmomente für den Alltag zum Beispiel. Draußen ist die große Weltpolitik, an der kann man kurzfristig wenig ändern. Aber im persönlichen Umfeld, vor der eigenen Tür, kann man sich Ziele setzen und etwas tun: Suppe für einen kranken Nachbarn kochen oder ins Pflegeheim gehen und alten Menschen aus Büchern vorlesen. Das stärkt das Vertrauen in Beziehungen. Diese Idee, dass Hoffnung einen Impuls setzen soll, habe ich schon ganz früh gehabt. Viele Wissenschaftler haben sich mit der Hoffnung beschäftigt und sie immer mit einer konkreten Handlung verknüpft. Die Handlung ist der Unterschied zur Illusion. Ich würde mir wünschen, dass die Leute im Alltag mutiger wären und mehr wagen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Die Autorin:

Kathrin Klette (38) hat Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur und Geschichte in Berlin und München studiert. Nach einem Volontariat an der evangelischen Journalistenschule Berlin und Hospitanzen bei FAZ, ZDF und Spiegel arbeitet sie seit 2013 als Redakteurin bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).

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Das Buch:

Bild 3„Hoffen - eine Anleitung zur Zuversicht“, erschienen im März 2016 im Christoph Links Verlag, Berlin. Preis: 16 Euro.

Das Buch ist eine sehr gut geschriebene und sorgfältig lektorierte Erkundung der Hoffnung. Es ist außerdem liebevoll gestaltet mit vielen Zitaten rund um Hoffnung und Vogel-Illustrationen. Zunächst beschreibt Kathrin Klette, warum Hoffnung heute so selten und zugleich begehrt ist. Sie geht der Geschichte der Hoffnung nach und erläutert unterschiedliche Haltungen im Hoffen.

Sechs Porträts von Menschen mit Hoffnungen in verschiedenen Lebens-Situationen illustrieren prägnante Momente der Hoffnung:

  • Eine heimliche Geliebte, die jahrelang gehofft hat, ihr Geliebter werde sich von seiner Frau trennen
  • Dieter Drewitz, der lange für seine Hoffnung kämpfte, aus der DDR ausreisen zu dürfen
  • Sara Schätzl, die mit 16 Jahren von zu Hause auszog, um ihren großen Traum zu leben
  • Ein junger Eritreer, der sein Leben riskierte für seine Hoffnung auf Freiheit und Sicherheit
  • Ein Mönche, der sich für ein hoffnungsvolles Leben im Kloster entscheiden hat
  • Eine krebskranke Frau, die bis zum Tod die Hoffnung nie aufgegeben hat

Neben diesen lebendigen Schilderungen, die zur eigenen Reflexion einladen, hat Kathrin Klette sechs Gespräche mit Experten geführt. Die Fachleute bieten wissenschaftlichen Hintergrund zur Hoffnung in typischen Lebensphasen und betten die Erlebnisse der Interview-Partner darin ein:

  • Der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort schildert den Aufbruch von Kindern in ein ungewisses Leben.
  • Über das Hoffen in der Liebe reflektiert der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer.
  • Was geschieht, wenn das Hoffen missbraucht wird und die Depression kommt, schildert der Heidelberger Arzt und Psychotherapeut Arnold Retzer. Er grenzt die Hoffnung auch vom weit verbreiteten „Positiven Denken“ ab.
  • Über das Hoffen in der Arbeitswelt und Krisen als Aufbruch-Zeiten sprach die Zürcher Psychologin Jennifer Hofmann mit Kathrin Klette.
  • Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack sagt, „Religion kann existenzielle Bedürfnisse des Menschen berühren“.
  • Erika Gardi von der Krebsliga Schweiz sprach mit der Autorin über die Zuversicht trotz Krankheit und Menschen, die bis zum Schluss hoffen.

Zum Schluss schreibt Kathrin Klette, weshalb wir mehr Hoffnung wagen sollten: „Wer Hoffnung hat, handelt so, dass das, was er sich wünscht, wahr wird. (...) Obwohl nicht sicher ist, was die Zukunft bringt, obwohl nicht gewiss ist, ob sich unser Wunsch erfüllt, spüren wir doch, dass wir etwas Neues wagen sollten - weil wir ahnen, dass es besser werden kann, besser als jetzt.“

Das Rezensionsexemplar stellte der Christoph Links Verlag zur Verfügung.

Foto Kathrin Klette: Stefanie Zofia Schulz.

Petra-Alexandra Buhl

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