Blog-Kritik 03: Umsteuern, wenn der Lebenslauf als “biographischer Unfall” empfunden wird

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Ute Schulze aus Bonn hat die Blog-Kritik für den März übernommen. Als wir uns kennenlernten sagte sie: „Mein Lebenslauf ist ein einziger biografischer Unfall!“ Empfinden Sie das wirklich so, Ute?

Ja. Ich war tatsächlich von meinen 30 Berufsjahren ganze 27 Jahre der Meinung ich sei eine Vertrieblerin mit dem Ziel Produkte und/ oder Dienstleistungen zu verkaufen. Vor ca. 3 Jahren habe ich das alles einmal in Frage gestellt und gemerkt, dass dies weder mein persönliches Ziel noch meine Motivation und schon gar nicht mein Potenzial ist. Ich habe mir sehr lange Zeit gelassen mich zurückzunehmen, mich auszuprobieren und mir vor allem Zeit dafür gelassen, meinen eigenen Weg zu finden. Das besondere daran ist die Art und Weise: Ich suche nicht nach meinem Weg, sondern bin bereit, Ihn zu finden. Das macht einen großen Unterschied: es nimmt den Druck raus und lässt das Ergebnis völlig offen!

Und wie finden Sie diesen eigenen Weg konkret?

Ich weiß, es klingt schwer, wenn ich das sage. In Wirklichkeit ist es aber super einfach, dann nämlich, wenn man aus dem Suchen ein Versuchen macht und etwas wirklich erleben will, dann finden sich die Möglichkeiten dazu. Es ist wichtig, sich innerlich immer wieder auf Null zurückzusetzen, innezuhalten und den Reset-Knopf zu drücken, sich von alten Glaubenssätzen zu verabschieden.

Gerade das fällt vielen Menschen wirklich schwer.

Wir schleppen alle ein Paket mit eingefahrenen Strukturen, Überlebensstrategien und Glaubenssätzen mit uns herum. Wer es schafft, das loszulassen und sich auf das eigene Sein zu konzentrieren, kann das Paket loswerden. Dann ist man nämlich in der Lage zu spüren. Hat etwas Dynamik, geht es in die gefühlt passende Richtung? Oder spüre ich einen Stillstand, der mir nicht gut? Dann gehe ich zurück an die Weggabelung, an der ich zuvor gewesen bin, bevor der Stillstand eingetreten ist. Gerade weil das viel mit Empfinden und Spüren zu tun hat, ist es schwer zu erklären. Jemand blockiert sich immer dann, wenn er nach dem einen richtigen Weg sucht. Den gibt es wahrscheinlich gar nicht.

Hat diese Leichtigkeit mit persönlicher Resilienz zu tun?

Resilienz ist für mich kein Status Quo, sondern vielmehr ein fortwährender Prozess: Ich lerne jeden Tag zu SEIN. Frei nach dem Motto: Schlimmstenfalls ist es eine Erfahrung. Man kann nichts erzwingen, sondern braucht eine offene Bereitschaft, anzunehmen, was einem begegnet. Ich habe viel Urvertrauen und sehr gute Freunde, das bedeutet für mich, ich werde aufgefangen, wenn ich in die Tiefe falle. Ich habe ein Umfeld, in dem ich mich erholen und wieder zu Kräften kommen, wieder nach vorne gehen kann. Das ist erprobt und trägt mich. Existenzangst ist etwas, das vielen ganz Vieles verbaut. Wenn man die in den Griff bekommt, wird Alles leichter - auch das Neue.

Sie haben Ihre Eltern früh verloren und haben Erfahrung mit der Pflege von Schwerkranken. Macht sie das resilienter?

Ich denke schon. Jede Erfahrung trägt dazu bei, Resilienz zu entwickeln, ich kann daraus Hoffnung, Kraft und Zuversicht schöpfen, dass ich auch andere schwierige Situationen meistern kann. Und ich habe erlebt, wie stark und widerstandsfähig der menschliche Körper ist. Viele Erfahrungen sind gespeichert und in Not-Situationen abrufbar, das kann ich nutzen.

Wo in Ihrem Leben profitieren Sie aktuell davon?

Mich faszinieren Menschen, die die Sinnhaftigkeit und die nachhaltigen Auswirkungen ihrer Arbeit als Ziel haben. Insofern bin ich sozusagen zu einer Expertin von sozialem Unternehmertum (Social Entrepreneurship und Social Startups) geworden. Ich bin auf mein eigentliches Potenzial gestoßen: Menschen in Beziehungen miteinander zu bringen. So entstand die Idee des Partnership Brokers mit startvision: Ich unterstütze Menschen auf Ihrem Weg und bei der Umsetzung ihrer Ideen. Da dort zumeist neben adäquaten Dialogpartnern (Kooperationen&Kollaborationen) die Finanzierungsmittel fehlen, habe ich mir Gedanken über Möglichkeiten der Unterstützung gemacht.

Sie verfolgen ein sehr spannendes neues Projekt. Wie sieht das aus?

In den letzten Jahren beschäftige ich mich sehr gerne auch privat mit Crowdfunding und Online-Fundraising. Aus dieser Dynamik heraus entstand der Gedanke, ein TV-Show-Format zu entwickeln, dass diese beeindruckende und emotional motivierte Form der Finanziellen Unterstützung ins Fernsehen transportiert. Ich habe mich auf den Weg gemacht und bin zur Zeit mit einer Produktionsfirma in der Angebotsphase an die TV-Sender. Ich versuche also als erwachsen gewordenes Kind der "Generation Fernsehen" eine Möglichkeit mit zu gestalten, ein Online-Phänomen ins "alte" Medium zu transformieren. Ich stoße dabei auf viel Kritik, viel Interesse und ebenso viel Gegenwind. Ich umschreibe es mal mit den Worten von Prof. Kruse: Ich segele auf Sicht!

Im März haben Sie die monatliche Kritik an meinem Blog übernommen. Nun bin ich neugierig: Was ist Ihnen beim Lesen des Blogs aufgefallen?

Über das gesamte Blog betrachtet: Ganz klar die Vielfalt bei den Themen. Im März war der Schwerpunkt allerdings mehr in der Arbeitswelt: Angefangen von der "Filmkritik zu den beiden AugenhöheWege-Produktionen" über "Bilder der Organisation" und die Buch-Rezension zu Andreas Zeuchs "Alle Macht für niemand" sowie Ihr Beitrag zur Blogparade "Fortschritt in Beziehung."

Dabei berücksichtigen Sie jedoch immer den Bezug zu gesellschaftlichen Themen, denn auch Arbeitszeit ist Lebenszeit. Und sie halten nicht mit Ihrer eigenen Meinung und Haltung hinterm Berg. Mit dem Beitrag über das Thema Hoffnung (passend zum Osterfest) haben Sie eine tief verwurzelte Frage in uns angesprochen: Was ist Hoffnung? Der Beitrag hat mir sehr gut gefallen. Ich habe mich daraufhin mit meiner eigenen Hoffnung beschäftigt und erfreut festgestellt, dass Hoffnung für mich "das Gedächtnis des Urvertrauens" ist. Daraus schöpfe ich meine Kraft.

Ich stelle fest, dass es sehr viele Menschen mit Hoffnung gibt, die sich engagieren und etwas bewegen wollen. Sie geben Geld, Arbeitszeit, Unterstützung oder helfen bei der Integration der Flüchtlinge. Nicht immer sind sie sichtbar, viele Menschen leisten im Hintergrund ihren Beitrag - das finde ich bewundernswert und lässt mich selbst hoffen.

Die einzelnen Blogartikel sind schon recht lang. Wenn es sich um ein Thema handelt, dass einen persönlich interessiert und berührt, ist dies jedoch sogar eher erfreulich! Es ist also vielmehr eine Geschmacksfrage. Mein Wunsch oder Tipp: Ruhig wieder mehr mit der Themenvielfalt spielen. Das gefällt mir sehr gut. So wird es nicht langweilig oder schwer, sondern behält die Leichtigkeit des Überraschungseffektes.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Ute.

Mehr Informationen über Ute Schulze und ihre Arbeit finden Sie hier:

http://startvision.de/ute-schulze-bonn.html

Auf Twitter können Sie Ihr unter @schulze_ute folgen.

Petra-Alexandra Buhl

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2016 gibt es jeden Monat eine Blog-Kritik auf meinem Blog. Was das ist? Ich habe viele Jahre als Journalistin für Tageszeitungen gearbeitet. Dort gibt es jeden Mittag eine Blatt-Kritik, in der die aktuelle Ausgabe besprochen wird. Dasselbe stelle ich mir für mein Blog vor: Für jeden Monat des Jahres habe ich mir eine interessante Person für die Blog-Kritik ausgesucht. Am Ende des Monats machen wir ein Interview. Zum einen stelle ich die Person und ihre Arbeit vor, zum anderen werten wir mein Blog aus.

Ein Gedanke zu „Blog-Kritik 03: Umsteuern, wenn der Lebenslauf als “biographischer Unfall” empfunden wird

  1. Hallo,
    vielen Dank für den interessanten, inspirierenden und spannenden Beitrag.
    Es stimmt. Hat man erst Mal die Existenzangst im Griff, dann hat man den Weg frei für die Verwirklichung seiner Träume. Ein Umfeld, dass einen auffängt, ist unerlässlich, wenn man seinem eigenen Weg folgt. Erfolgreiche Menschen, sind ja bekanntlich nicht diese, die nie verlieren, sondern diejenigen, die immer wieder weiter machen, trotz allem.
    Ich persönlich kenne keinen erfolgreichen Menschen, die nicht auch Mal gründlich gescheitert ist auf dem Weg zu seinem Ziel. Man muss bereit sein die Richtung auch mal zu ändern, wenn es nicht mehr weiter geht oder wenn es, so wie es ist, nicht mehr weiter gehen kann. Das hält die Lebensgeister fit!

    Beste Grüsse, Rene

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