Weniger Image, mehr Profil: Ein Plädoyer für eine neue Schrulligkeit

Nur derjenige hat Erfolg, der seine Rolle als Angestellter oder Chef richtig spielt. Authentischer Selbstausdruck sei völlig unangebracht, war kürzlich bei Spiegel Online zu lesen. Jeder werde dafür bezahlt, auf professionelle Art und Weise seine Rolle wahrzunehmen. „Performance-Management“ sei für den beruflichen Erfolg das wesentlich Relevante.

Ich fürchte Schlimmes für die Zukunft: Dieses „Performance-Management“ treibt schon jetzt kuriose Blüten. Zwei Beispiele aus meiner Alltags-Beobachtung:

  • Die junge HR-Frau, die munter, dienstbeflissen, unerträglich gespreizt und vor allem ohne Punkt und Komma plappert. Sie hält das wohl für professionelle Kommunikation, der Wortschwall ist aber vor allem nervig. Nicht auszudenken, mit dieser Frau den Tag in einem Großraum-Büro verbringen zu müssen. Ich wünsche ihr Kollegen, die ihr dazu einfühlsam Feedback geben.;-)
  • Die Speakerin, deren Auftritt von Minute 1 bis 45 perfekt durchgeplant ist. Trotzdem lacht über die beiden einstudierten Scherzchen nach 1 000 Auftritten von Flensburg bis Innsbruck kaum noch einer. Soviel Perfektionismus und Unnahbarkeit macht den Zuhörern richtig Angst. Das Besondere, Individuelle ist doch das, was Menschen von Robotern unterscheidet.

Seit wann sind Exzentriker eigentlich so verpönt? Seit wann ist Anpassung so beliebt? Früher galt ein Exzentriker einfach als Sonderling. Er war „ex centro“ - aus der Mitte - weil er sich nicht so verhielt, wie es den Normen und Regeln entsprach. Schrullen wurden toleriert.

[Tweet ""Jeder sollte Schrullen haben. Schrullen sind ein hervorragender Schutz gegen Vermassung." Salvador Dali"]

Hier eine kleine Auswahl berühmter Schrullen:

  • Der französische Schriftsteller Theóphile Gautier (1811 bis 1872) trug auf seinen Streifzügen durch Paris offenbar am liebsten ein rosafarbenes Hemd und grüne Pantoffeln.
  • „Hoffentlich werde ich nie etwas Festlicheres anziehen müssen als Unterwäsche“ - Ernest Hemingway.
  • Friedrich Schiller ließ sich durch den Geruch faulender Äpfel inspirieren, die er stets in seiner Schreibtisch-Schublade lagerte. Reife Äpfel sollen Ethylen produzieren, dem eine entspannende Wirkung zugeschrieben wird.
  • Friedrich der Große hatte 15 Windspiele als Begleiter, die alle Freiheiten genossen. In der königlichen Küche wurden eigens für die Hunde Menüs angerichtet: Kuchen, Braten und Butterbrötchen wurden vom König überprüft. Die Windspiele hatten einen festen Platz bei Tisch und schliefen nachts im Königs-Bett. Die Lakaien waren angewiesen, mit den Hunden französisch zu sprechen und diese zu siezen.

Heutzutage tut sich die Medizin mit solchen Schrullen schwer. Nonkonformisten wird häufig eine schizoide Persönlichkeit oder eine pathogene Störung attestiert. Sobald ein Krankheitsbild zugeordnet ist, werden wenn möglich Tabletten verschrieben, um das Verhalten an „normale Standards“ anzupassen. Für die Exzentriker, die neugierig, kreativ und intelligent sind, bleiben häufig nur Nischen in der Kunst.

[Tweet "Anders-Sein ist keine Frage des Charakters. Anders-Sein ist eine Frage der Ausdauer." Lieselotte Trutnau"]

Überall herrscht Perfektionierungs-Wahn, Selbstoptimierung und Anpassungsdruck. Natürlich plädiere ich hier nicht für die Abschaffung von Knigge und Co. oder dafür „die guten Sitten“ aufzuheben. Aber ich wünsche mir mehr Schrullen. Menschen, die ihre wunderlichen Eigenarten kultivieren, seltsame Hobbys pflegen und sich mit ihren Macken zeigen, sind ganz wunderbar. Die Engländer kultivieren ihre Spleens - wir Deutschen gestatten sie uns (und anderen) nicht.

Einige schöne Anekdoten aus meinem Leben verdanke ich Menschen, die  Schrullen hatten, zum Beispiel diese:

2001 trat ich mit einem Kollegen eine Dienstreise nach Warschau an. Bis dahin wusste ich nicht, dass er unter starker Flugangst leidet. Da wir uns während des Eincheckens unterhielten, stellten wir erst im Flugzeug fest, dass wir in Reihe 14 sitzen. 14 B war für meinen Kollegen nicht akzeptabel. Er setzte sich gar nicht erst hin. „Das ist eigentlich die Reihe 13, da kann ich auf keinen Fall sitzen, hier bleibe ich nicht. Ich sitze nie in Reihe 14“, sagte er aufgebracht, geradezu panisch. Dank seines Charmes schaffte er es, die Stewardess zu umgarnen und zwei neue Plätze zu bekommen. Wir flogen dann auf 23 D und E 😉

Oder diese liebenswerte Schrulle:

Ich kenne eine Frau, die zwanghaft alle Bilder gerade hängen muss - auch in Museen, Arzt-Praxen oder Restaurants. Sobald sie sieht, dass ein Bild schief hängt, legt sie Hand an und rückt es gerade. „Ich muss es einfach tun, ich kann gar nicht anders“, sagt sie. Das Witzige daran sind die Reaktionen der anderen Leute. Diese Schrulle wird immer akzeptiert. Manchmal „outen“ sich andere, die sich in der Öffentlichkeit nicht trauen, diesem inneren Zwang nachzugehen.

[Tweet ""Ihr lacht über mich, weil ich anders bin. Ich lache über euch, weil ihr alle gleich seid." Kurt Cobain"]

Meine Schrullen:

Ich reise niemals ohne Buch, auch dann nicht, wenn ich nur einen kurzen Termin habe. Falls ich irgendwo warten muss, stecke ich die Nase in mein Buch - übrigens seit ich lesen kann.

Ich trage nur schwarze Strümpfe und schwarze Socken einer bestimmten Firma. Ich besitze zurzeit ca. 20 identische Stück davon.

Für meine Arbeit benutze ich ausschließlich Stifte und Papier einer bestimmten Firma. Wenn ich woanders bin und wechseln muss, ärgere ich mich über das schlechtere Schriftbild und die mindere Papier-Qualität.

Alle um mich herum können sicher ein paar Schrullen mehr aufzählen, wollten sich aber nicht dazu äußern 😉 Wahrscheinlich prägen sich meine Eigenarten über die Jahre noch mehr aus. Ist doch herrlich, die Privilegien des Älter-Werdens auszukosten und sich ein paar Absonderlichkeiten zuzulegen. Ich freu mich drauf!

[Tweet ""Ich habe keine Macken. Das sind Special Effects." Unbekannt"]

Und hier noch etwas zum Schmunzeln: Sheldon Lee Cooper ist einer meiner liebsten Exzentriker.

The Big Bang Theory: Best of Sheldon

https://www.youtube.com/watch?v=_eD8RhPDU5Y

Welche Schrullen haben Sie?

Kennen Sie Schrullen von berühmten Frauen?

Petra-Alexandra Buhl

2 Gedanken zu „Weniger Image, mehr Profil: Ein Plädoyer für eine neue Schrulligkeit

  1. Ich tue mich schwer damit, mehr Authentizität zu fordern. Vielleicht wäre das, was ich von anderen als authentisches Verhalten wahrnehmen würde (erwarte), für die ganz und gar nicht authentisch? Oder das Authentische für mich nervig und völlig unangebracht?

    Ein paar Gedankenspiele:

    1. Die junge Frau ist sehr kontaktfreudig und gesprächig (fast schon geschwätzig). Sie hat zu allem und jedem eine Meinung, plappert wie ein Wasserfall. Auf jeder Party ist sie es, die das Gespräch am Laufen hält. So kennt sie ihr Umfeld. So ist sie eben. Dass das an ihrem Arbeitsplatz (sie ist jetzt im HR, Großraumbüro) die anderen nervt, ist noch nicht bei ihr angekommen.

    2. Sie ist Perfektionistin durch und durch. Sie überlässt nichts dem Zufall, Unwägbarkeiten und unvorhergesehene Ereignisse machen sie unsicher. Ohne eine perfekte Organisation läuft nix, weder beruflich noch privat. Sie braucht dieses Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben und genau zu wissen, was als nächstes passiert. Wen wundert’s, dass jeder ihrer Vorträge aufs Wort und die Minute passt. Keine Improvisation. Keine Zwischenfragen. Die bewährten Pointen. Immer und immer wieder.

    Sind beide nicht sehr authentisch, schrullig?

    3. Ich hatte einen langen Tag. Der Flieger hätte schon seit einer viertel Stunde in der Luft sein müssen. Und der Typ da kommt nicht nur auf den letzten Drücker, sondern diskutiert jetzt noch rum. Er kann nicht in Reihe 13 sitzen. Und nicht in Reihe 14, weil das eigentlich Reihe 13 ist. Das nervt einfach. Ich will nach Hause.

    4. Wie die Dame behutsam alle Bilder ausrichtet. Anschauen, hingehen, ausrichten. Zurücktreten. Kontrollblick. Nachjustieren. Irgendwie nett. Aber sie in einer Kunstgalerie zu erleben: ICH bräuchte eine gesonderte mentale Vorbereitung, das Aufsichtspersonal sicher ebenfalls … 😉

    Sind Schrullen immer und für jeden liebenswert?

    Heute exzentrisch zu wirken, braucht es wahrlich schon sehr ausgefallene (u. U. tendenziell krankhafte) Schrullen: Rosa Hemden und grüne Clogs? Der nächste Sommer kommt bestimmt (irgendwo). Hemingways Feinripp? Längst straßentauglich. Und eine ordentliche Portion Friedrich der Große steckt in jedem zweiten Katzenhalter.

    Die meisten Schrullen gehen in der Vielfalt unter, ohne dass wir ihnen stärkere Beachtung schenken. Sie sind zur Normalität geworden.

    Und ich hab auch schon wieder meinen Senf dazugegeben. Ist so ‘ne Schrulle von mir … 😉

  2. Hallo Petra,
    beim Lesen deines Beitrages fiel mir wieder mein kleiner Schocker ein:
    “ICH BIN NICHT NORMAL ! – – – ich bin super“

    Was ist denn eigendlich Normal? Da denke ich dann ziemlich schnell an die Statistischen Norm und der beschreibenden Eigenschaft “durchschnittlich“.
    Wie kann man sich nun von dieser großen Masse absetzen? Mit Persönlichkeit, die gewürzt ist mit kleinen Schrullen….

    Bis später
    Andreas

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