Gesellschaft – it´s broken, let´s fix it: Komplexer denken, weniger impulsiv reagieren

„So wie es ist, geht es nicht weiter. Aber wo ist der Ausweg?“

Aus: „Die Mutter“ von Bertolt Brecht

Angenehme Überraschung zum Auftakt der Jubiläums-re:publica TEN: Eher zufällig spülte es mich in das spannende Eröffnungs-Panel „Gesellschaft - it´s broken, let´s fix it“. Es war ein guter Einstieg in einen der weltweit wichtigsten Events rund um die digitale Gesellschaft. Über 8 000 Menschen waren 2016 auf der re:publica. Der jüngste Speaker war 11 Jahre alt, der älteste 73. Vermutlich einmalig in Deutschland: 46% der SpeakerInnen waren weiblich.

Sich nicht dem Pessimismus ergeben

Wir dürfen uns nicht dem Pessimismus ergeben“, sagte Frank Richter von der Landeszentrale zum Einstieg in die Diskussion. Die zwölf Monate seit der re:publica 2015 waren politisch äußerst turbulent. „Wut macht aber nur hilflos, wenn man nicht auf die Andersdenkenden zu geht“, sagte Caroline Mohr, demnächst Chefin vom Dienst bei Spiegel Online. „Wir müssen immer wieder sprechen und argumentieren, nur das schleift radikale Haltungen ab. Wir dürfen die Leute nicht verlieren. Kommunikation ist alternativlos. Die Frage ist nur, was ist sie uns wert?“

Bislang werden Hasskommentare in den Medien von Leuten moderiert, die keine Sozialpädagogen sind und keine Kompetenz haben, das abzufangen, so Caroline Mohr. „Journalistisch ausgebildete Menschen können die communities nicht moderieren. Es braucht Leute, die auch am Abend nach einem langen Arbeitstag Konflikte moderieren führen können“, sagte sie.

Konflikte und Diskussionen finden in allen Bereichen statt. Ob in Unternehmen, im Theater, im Freundeskreis, am Stammtisch oder in der Arzt-Praxis: Politik produziert Emotionen.

Komplexer denken und weniger mit Impulsen reagieren

Als Dramatiker an der Berliner Schaubühne hat Falk Richter mit seinem Stück „Fear“ unangenehme Auseinandersetzungen mit der AfD-Spitze geführt. In seinem Stück hatte er die Protest-Partei für Wut-Bürger dargestellt. Die Antwort war eine konzertierte Gegen-Aktion im Internet. Es gab Hass-Mails und Morddrohungen gehen Falk Richter sowie Störungen der Theater-Vorführungen und Schmierereien an der Schaubühne.

Die stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende Beatrix von Storch wollte „Fear“ sogar juristisch verbieten lassen. „Die Argumentationslinie der AfD war jedoch völlig unklar. Immerhin gibt es in Deutschland noch Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit“, so Falk Richter. Die AfD trage „Masken, die ein durch und durch anti-demokratisches Weltbild verbergen.“

Wut, Distanz, Misstrauen, Angst und Hass

Pegida und die AfD brächten etwas zu Tage, Probleme, die seit der Wiedervereinigung Deutschlands nicht besprochen würden. „Es ist seit der Wiedervereinigung Einiges schief gelaufen. Man muss es sich anhören und die Themen bearbeiten, die aufgeworfen werden“, sagt der Dramatiker Falk Richter. Der Protest gegen TTIP, das Unbehagen mit der EU, die Intransparenz der Demokratie und vieles mehr zähle er dazu.

„Wir müssen komplexer denken und weniger in Impulsen reagieren“, sagt Falk Richter. Dazu gehöre nicht nur der Dialog mit den Rechtsextremen, sondern auch mit anderen Positionen. „Der Populismus ist unheimlich gefährlich. Die Entwicklungen dorthin haben wir schon lange, aber da passiert gerade etwas. Es gibt Angriffe auf Flüchtlinge, auf Journalisten, auf Politiker. Das ist eine rechtsterroristische Bewegung, ein Rechts-Radikalismus, der sich ganz anders formiert. Wir müssen das erkennen und zeigen, was passiert da? Diese Leute wollen eine andere Gesellschaftsordnung. Sie verstehen und bezeichnen sich als Revolutionäre. Es ist eine rechtsextremistische Bewegung, die versucht, diese Gesellschaftsordnung umzustürzen. Damit würde vieles verschwinden und nicht „nur“ die Meinungs- und Kunstfreiheit“.

Aus Hass-Mails Spenden für Flüchtlinge machen

„Wut, Distanz, Misstrauen, Angst und Hass“ sind die dominierenden Gefühle der Pegida-Anhänger, sagt Fabian Wichmann von EXIT. Das ist eine Initiative, die Menschen den Ausstieg aus dem Rechtsextremismus ermöglicht und die De-Radikalisierung unterstützt.

Einen Weg dafür, aus rechtsextremen und rassistischen Hass-Kommentaren Geld für die Unterstützung von Flüchtlingen zu machen, hat EXIT Deutschland gefunden. Hass-Kommentare können bei EXIT gemeldet werden. Dort werden sie überprüft. Die Regeln orientieren sich an dem, was der Bielefelder Forscher Wilhelm Heitmeyer in seiner Studie „Deutsche Zustände“ als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ definiert hat. Ich durfte selbst einmal auf einer der Tagungen über meine Erfahrungen als Journalistin mit Rechtsextremismus in Sachsen berichten. Die Forschungen unterstütze ich ausdrücklich. 😉

Hass-Kommentare werden von EXIT verlinkt, der Schreiber erhält die Meldung: „Du hast mit deinem Kommentar für Flüchtlinge gespendet.“

Fabian Wichmann sprach sich dafür aus, offline und online nicht zu trennen. Hass im Netz unterscheidet sich nicht vom Hass im Alltag. Persönliche Beleidigungen seien allerdings nicht immer klar identifizierbar.

Empathie und Perspektivwechsel sind wirksam

Wo hört der Dialog auf und wann fängt die Beleidigung an? „Es gibt klare Grenzen und die muss man nicht immer ausdiskutieren. Wir müssen bis zur klaren Grenze aushalten, der Rest ist Sache des Staatsanwaltes“, sagt Frank Richter von der Landeszentrale. Und weiter: „Es gibt Feinde der Demokratie und es gibt Freunde der Demokratie. Die Freunde der Demokratie dürfen sich jetzt nicht zerstreiten und müssen mit höchstem Respekt miteinander umgehen.“

Dabei sei auch die Meinungsfreiheit zu achten. „In der Demokratie kann jede Form von Bürgerwillen geäußert werden. In der Demokratie hat aber auch jeder Idiot das Recht, ab und an mit einem vernünftigen Argument konfrontiert zu werden. Wenn wir den Dialog aufgeben, tragen wir zur Atomisierung der Gesellschaft bei. Demokratie lernt man anders nicht“, sagte Frank Richter.

„Empathie und Perspektivwechsel scheinen mir die elementaren Säulen unseres friedlichen Zusammenlebens zu sein. Diese Fähigkeiten werden im vorpolitischen Bereich aufgestellt. Wir haben aber oft mit Mental-Autisten zu tun, die nicht in der Lage sind, mal die Welt in den Gedanken des anderen zu denken, den Perspektivwechsel im Kognitiven vorzunehmen. Vielleicht müssen wir dort ansetzen, um dann das Politische, Demokratische und Staatliche wieder zu stabilisieren.“ Es brauche eine Stärkung der „weichen“ Bildungsbereiche, um die Demokratie zu stärken.

Der Dramatiker Falk Richter warnte vor einer weiteren Enthemmung und warf ein: „Die AfD-Rhetorik baut genau diese Empathie ab. Es wird von Kopftuch-Mädchen und Flüchtlings-Tsunami gesprochen, um eine Gefahr heraufzubeschwören. Wenn Menschen versachlicht, de-humanisiert werden, verschwindet das Mitgefühl für sie.“

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so etwas sage, aber mit den Feinden der Demokratie muss man folgendermaßen umgehen: Man muss sie identifizieren, isolieren, ächten“, sagt Frank Richter von der Landeszentrale für politische Bildung.

Das Eröffnungs-Panel gibt es im Ganzen hier zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=GaBtGtS5fAE

Wer Hass-Kommentare in Spenden für Flüchtlinge umwandeln will, kann EXIT hier unterstützen:

http://www.exit-deutschland.de/spenden/

Die Initiative „Blogger für Flüchtlinge“ sammelt Spenden für Unterstützungs-Projekte:

http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/

Petra-Alexandra Buhl

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