Zurück auf Null oder die Herausforderung, den Anfängergeist zu kultivieren

Lars Eidinger gehört zu den Schauspielern, die ich am meisten schätze. Egal ob im Theater oder in seinen Film-Rollen: Eidinger lässt mich nie gleichgültig, sondern fordert mich zur Auseinandersetzung heraus. In seinen verschiedenen Rollen provoziert er mich, erschreckt mich, widert mich manchmal an, empört mich, verführt mich und vieles mehr. Kurz: Lars Eidinger ist für mich das Ausnahme-Talent seiner Generation.

Nun habe ich den Interview-Band „Eidinger“ gelesen. Darin habe ich viel darüber erfahren, wie sich Lars Eidinger auf seine Rollen vorbereitet, was Schauspielerei für ihn bedeutet und wie er seine herausragende Schauspiel-Kunst entwickelt.

Navigieren in der VUKA-Welt

Besonders beeindruckt hat mich das „Nullen“. Seither übe ich mich darin, das in vielen Situationen selbst praktisch zu erproben. Lars Eidinger erklärt es im Interview so:


Bild 2Michael Eberth:
Und die Maske, die der Alltag dir aufdrückt, schüttelst du in den Sekunden des Nullens ab?

Lars Eidinger: Das Nullen ist wichtig.

M.E.: Wie machst du´s?

L.E.: Ich denke an nichts.

M.E.: Kann man das?

L.E.: Ja.

M.E.: Augen zu?

L.E.: Ich mache die Augen zu und lege den Daumen und den Zeigefinger drauf. Das bringt mich in den Moment. Als Protagonist hat man´s natürlich leichter, weil man bei null anfangen kann. Es gibt Rollen, da trittst du auf und musst auf 180 sein. Als Hamlet kann ich im Nullzustand auf die Bühne gehen.

Für das Navigieren in der VUKA-Welt ist das „Nullen“ eine interessante Technik. VUKA steht für volatil, unsicher, komplex und ambig. Wir leben in einer sich rasch verändernden, mehrdeutigen Welt und müssen lernen, mit Chaos, Unsicherheit und Komplexität dauerhaft umzugehen. Das ist nicht leicht.

  • Wir schwimmen, weil sich unser Umfeld, gesetzliche Regelungen, Vorgaben und Führungsstrukturen häufig ändern.
  • Wir verlieren die Orientierung, weil es ständig sich scheinbar widersprechende Ansagen, Wünsche und Erwartungen gibt.
  • Wir suchen Klarheit, wo es nur diffuse Anweisungen oder schwammige Regularien gibt usw.
  • Wir hätten gerne Antworten, die auch Autoritäten wie Vorgesetzte oder Unternehmenslenker nicht mehr geben können.

Und so weiter und so fort. Wir sind nicht immer die Protagonisten mit den meisten Gestaltungsmöglichkeiten. Aber in jeder Rolle können wir präsent sein und versuchen, den Anfängergeist zu kultivieren.

In seiner Führungsmethode „Theorie U“ hat Otto C. Scharmer geschrieben, dass es uns in komplexen, unüberschaubaren Situationen nicht nutzt, alte Verhaltensweisen,  Glaubenssätze und Führungskonzepte einfach „downzuloaden“.

Presencing als soziale Technik

Stattdessen empfiehlt er „Presencing als soziale Technik“. Hier möchte ich das „Nullen“ einordnen. Presencing beschreibt für Scharmer eine der Zukunft zugewandte Mischung aus Präsenz und Fühlen. Damit sollen wir unser höchstes Potenzial erschließen, um die für den Moment bestmöglichen Entscheidungen zu treffen. Zum einen geht es darum, eine Haltung zu entwickeln, die das Neue willkommen heißt und aus sich heraus entstehen lässt. Das braucht Geduld, Aufmerksamkeit und Präsenz, um überhaupt zu merken, dass etwas Neues im Entstehen begriffen ist.

Zum anderen verbergen sich hinter „Presencing“ Praktiken für die persönliche Entwicklung und für Gruppenprozesse. Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Haltung bestimmen darüber, wie wir Informationen wahrnehmen, einordnen und verarbeiten.

Das ist nur eine kurze Fassung. Das detaillierte Konzept von Scharmer erfordert immense Selbstreflexion sowie die Bereitschaft, eigenes Verhalten zu verändern. Vielleicht ist es deshalb bei Führungskräften nicht wirklich angekommen. Ich kenne kaum Menschen mit Führungsverantwortung, die sich im Alltag nach Scharmers Presencing richten. Dabei halte ich es für ein gutes und schlüssiges Konzept.

Vielleicht ist das „Nullen“ eine einfachere Methode, um mit Presencing langsam zu beginnen. Wer das „Nullen“ beherrscht, bereitet wie ein Gärtner den fruchtbaren Boden vor.  Auf Null zu gehen heißt:

  • sich möglichst frei zu machen vom alten Selbstbild
  • sicher Geglaubtes/ alte Annahmen anzuschauen und zu revidieren
  • die eigene Rolle zu reflektieren
  • den alten Rollen-Mantel oder Teile davon abzustreifen
  • unvoreingenommen Neues im Raum stehen zu lassen
  • sich „wie neu“ auf scheinbar Bekanntes einzulassen

 

Eigene Rollengeschichte: Wie bin ich geworden, wie ich bin?

Dazu muss man die Bereitschaft aufbringen, das Alte zu hinterfragen und gegebenenfalls abzulegen. Ich habe das in einer umfangreichen Arbeit während meiner Supervisions-Ausbildung gemacht. Die Aufgabe war, eine „Rollen-Geschichte“ zu schreiben. Einzige Vorgabe war die Frage: „Wie bin ich geworden, wie ich bin?“ und ein bestimmter Text-Umfang.

Das klingt einfach, war aber eine der größten Herausforderungen in der dreijährigen Ausbildung. Zum einen ging es konkret um Kindheit und Jugend im Familien-System. Hier wurden Prägungen sichtbar, die Erklärungen für private und berufliche Entscheidungen lieferten, aber auch für eigene Defizite und Verhaltensweisen. Zum anderen ging es um die spätere Rollen-Wahl und die Gestaltung derselben aus der eigenen Geschichte heraus. Dann folgte die Analyse:

  • Was habe ich gelernt? Von wem? Wie?
  • Was war gut?
  • Was davon war nicht hilfreich?
  • Wovon will ich mich verabschieden?
  • Was nehme ich mit und wie gehe ich damit künftig um?

Wir alle waren über Monate mit unserer Rollen-Geschichte beschäftigt. Ich selbst habe massive Widerstände dagegen entwickelt, meine Geschichte in der Ausbildungs-Gruppe zu teilen. Konfrontiert mit Wut, Scham, Traurigkeit, Bedauern und Verantwortung wollte ich die Woche am liebsten „schwänzen“, in der das offen bearbeitet werden sollte.

Mit meinem Lehr-Supervisor habe ich einige Sitzungen damit verbracht, diese Widerstände zu bearbeiten. Ich bin dann doch nicht ausgewichen und habe befreiende Erfahrungen gemacht. 😉 Rückblickend betrachtet ist meine Rollen-Geschichte zu einem der stärksten Instrumente für meine Arbeit geworden. Sie hilft mir, Arbeitsprozesse nicht mit eigenen Themen zu belasten und zugleich zu verstehen, aus welchen Haltungen und Erfahrungen heraus Menschen in ihrer Rolle agieren.

Das „Nullen“ empfinde ich im Moment als besonders hilfreich, wenn es darum geht, gelernten Ballast abzuwerfen. Damit kann ich den Raum für neue Erfahrungen schaffen, zum Beispiel:

  • Mich selbst zu verlangsamen und Entscheidungen nicht sofort zu treffen
  • Erlernte Reflexe anzuhalten und meine Impulse zu überprüfen
  • Mich zu fragen: Welche Möglichkeiten gibt es außerdem, auf die Situation zu reagieren?
  • Experimente mit Unvollkommenem auszuhalten
  • Keinen perfektionistischen Anspruch zu haben

Mich zu „Nullen“ heißt, im Augenblick zu bleiben und darin bestmöglich zu handeln. Präsent zu sein - nicht daran zu denken, was gestern war oder morgen und übermorgen getan werden muss. Es gibt diese Situation und alles andere wird möglichst zurückgestellt. Etwas einfach machen und das Bestehende verbessern. Das gelingt nicht immer. Schließlich bin ich ein Mensch und kein Roboter. Aber „Nullen“ hilft mir, mich selbst zu disziplinieren und in einen besseren, stressfreieren Zustand überzugehen.

Literatur:

Michael Eberth: Eidinger backstage, Verlag Theater der Zeit, Berlin 2011

Gerhard Roth: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten - Warum es so schwierig ist, sich und andere zu verändern, Klett-Cotta, Stuttgart 2015

Und nun sind Sie dran:

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht mit Presencing als sozialer Technik?

Welche dem „Nullen“ ähnlichen Techniken sind ein Experiment wert?

Petra-Alexandra Buhl

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